104 Baiern unter den Übergangsministerien von 1847—4S.
Baierns emancipirt und eine Thatsache hingestellt, bei welcher nur geringe Hoffnun-gen übrig blieben, daß sie keine vollendete sei. Lahmend wie ein Blitzschlag warwenigstens offenbar ihr erster Eindruck in den staatsmächtigen Kreisen. Man ver-nahm nur, daß der König mit einem Protestmaniseste gegen den Ausspruch desParlaments an seine Baiern appelliren wolle. Dennoch herrschte zwei volle Tagelang absolutes Schweigen in den officiösen und vfficicllen Organen; dann erst brachdie „Neue Münchener Zeitung" los.
Wie aber hatte sich unterdessen der Eindruck der Kaiserwahl, der Wahl desKönigs von Preußen in Baiern ausgesprochen? Richt eben anders als in denübrigen Mittelkönigrcichen. Die Freudigkeit des beistimmenden Zurufs stand in um-gekehrtem Verhältnisse zur geographischen Nähe der Landestheile an der Residenz.Die Beistimmung war um so allgemeiner und rückhaltloser, je entfernter die sichäußernden Kreise von dem Bereiche des Hofs und der Landesregierung. Nur darinunterschied sich Baiern, daß auch diejenigen progressiven Parteien ihr zujubelten^welche bisher zu demokratischer Natur geschienen hatten, um überhaupt einen monar-chischen Abschluß des deutschen Verfassungswerks gutzuheißen. Deutlicher als beiirgend einem bisherigen Anlaß konnte man wahrnehmen, daß das demokratischePrincip in Baiern mehr ein Product augenblicklicher Veranlassungen und Aufre-gungen als ein Erzeugniß tieferer Überzeugungen und innerer Nöthigungen, daß esin seiner endlichen Bedeutung nicht viel mehr gewesen war als der Oppositionsgeistgegen die deutsche Politik Baierns, als der Mismuth über die Langsamkeit der Ge-staltungen in Frankfurt. Allerdings war die Demokratie seit der ersten Lesung derReichsverfassung ziemlich überall von ihren Agitationen gegen die Centralgewalt zu-rückgekommen und hatte unbedingte Unterwerfung unter die frankfurter Beschlüsseauf ihr Banner geschrieben. Allein diese scheinbare Unterwürsigkcit hatte bekanntlich
auch in demselben Moment ihr Ende gefunden, als die Oberhauptsfrage im monar-
chischen Sinne entschieden und die Krone, trotz der Bündnisse der Östreicher, Ulkra-montancn und sonstigen sogenannten Großdeutschen mit der Demokratie, dem HauseHohenzollern zugesprochen ward. Die Tergiversation war nun zu rasch und uner-wartet vor sich gegangen, um namentlich im diesseitigen Baiern schon bedingende
Kraft gewonnen zu haben, während allerdings die bairische Nheinpfalz gerade im
ersten Augenblicke sich entschieden gegen die Wahl des Königs von Preußen aus-sprach. Dagegen machte sich im diesseitige-« Baiern auch in den antidemokratischenKreisen recht auffallend offenbar, daß die Abneigung gegen Preußen, wenigstens inallen Landestheilen außer dem altbairischen Herzogthum, künstlich erregt, in gewissenPreßorganen weitaus übertrieben geschildert, und dadurch in die Höhe geschraubt wordenwar. Denn sie trat jetzt plötzlich vor der vollendeten Thatsache zurück und kam erstwieder zum Vorschein, nachdem die Ablehnung der Kaiserkrone das Ende der Hoff-nungen auf ein Deutsches Reich allerdings nicht mehr zweifelhaft ließ. Zu dieserGunst der Stimmungen für die Beschlüsse der Nationalversammlung mochte jedochdamals auch die Art und Weise nicht wenig beitragen, wie Östreich seine innernSiege ausbeutete und sein inniges Einverständniß mit Rußland zur Schau trug.Anders freilich erklangen die Äußerungen derjenigen Kreise und Parteien, deren Le-bensbedingungen oder wesentliche Vortheile an den Fortbestand der bisherigen Zer-rissenheit, an die Fortdauer der klaffenden Widersprüche zwischen Süd- und West-deutschland, zwischen Protestantismus und Katholicismus geknüpft sind. Obschonetwa 10000 Mann Baiern auf Befehl der Centralgewalt nach Schleswig gezogenwaren, um für Deutschlands Integrität die Waffen zu schwingen, herrschte doch wolnirgends eine entschiedenere Abneigung gegen die Nationalversammlung und allesDas, was mit dem deutschen Vcrfassungswerke zusammenhing, als im bairischenOfMercorps Einen ooup <Iv maln der Demokratie nannte man fast einstimmigdw Kaiserwahl; der König von Preußen, meinte man, müsse die Neichsstatthalter-schast nur annehmen, um besser als der Erzherzog-Neichsverweser der Nationalver-sammlung und den Einheitlern zu beweise», daß sie sich verrechnet hätten, wenn sie