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Zehnter Band.
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Ostreich

Östreich seit der Märzrevolution bis zur Eröffnung des

Reichstags. *)

Einleitung.

Mach dreitägige» Mühen und Wehen sah der Abend des 18. März 1848 dasneue constitutionelle Östreich geboren. Ob lebenskräftig, ob für ein schnelles Hinwel-ken, für einen raschen Tod bestimmt, darüber konnte die Stunde der Geburt nochkeine sichere Kunde geben. Doch fehlte es schon damals.nicht an Zeichen undSpuren, welche auf das Schicksal des Verfassungslebens in Östreich schließen ließen.Stoßweise, die eine unabhängig von der andern, wurden die einzelnen Concessionenverlangt und ertheilt. Die Federungen des nächsten Tags waren am Abende desvorhergehenden noch unbekannt; wenige Stunden, ehe dieselben durch stürmische De-putationen vor den Thron gebracht wurden, dachte das Volk über ihr Maß undZiel noch ebenso unklar, wie die Regierung über die endliche Grenze ihrer Nachgie-bigkeit. Was am 12. März alle Wünsche zu befriedigen schien, wurde am 14.der bloße Hebel zu weiter» Federungen, und die Resultate dieses Tags erschienennach 24 Stunden schon wieder eine kaum des Rennens werthe Abschlagszahlung.

So steigerten sich die Errungenschaften von dem ertrotzten Wechsel in den Trägerndes Systems zum Systemwechsel selbst, von Aufhebung der Censur und ständischerReform zur „Constitution des Vaterlandes". Mit diesem letzten Zugeständnisse warder Abbruch der Vergangenheit vollendet, die alte Bahn des Reichs gänzlich und— für immer verlassen. Aber freilich war damit der Plan zum neuen Aufbauenoch keineswegs gewonnen. 'Die seltsame Fügung in der kaiserlichen Proclamation:Constitution des Vaterlands! zeigte am deutlichsten, wie unklar und verworren dieneu einzuschlagenden Wege oben und unten, von der nachgiebigen Regierung unddem anstürmenden Volke gedacht wurden. Nachdem die wichtigsten Grundrechte ge-wonnen, blieb nichts Anderes zu fodern und zu gewähren übrig als der allgemeineunbestimmte Rahmen für eine Verfassung, deren Inhalt und Wesenheit erst der Zu-fall der kommenden Tage bestimme» sollte. So bedenklich dieser Umstand in seinen §Folgen jedem Einsichtsvollen erscheinen mußte, unerklärlich war er bei den herrschendenVerhältnissen in Ostreich, bei der Gleichgültigkeit der Glieder für das Ganze undder Unangemessenheit des Ganzen für die einzelnen Reichsglieder keineswegs, zumalwenn man die Natur und Stellung der Träger der Bewegung bedachte. Sie ge-hörten vorzugsweise zwei Kreisen an, von welchen der eine gleich am ersten Tagedes Kampfes in den Hintergrund gedrängt wurde, der andere aber, wenn auch nochlänger das politische Steuerruder mit mehr verwegener als geschickter Hand lenkend,durchaus kein näheres und substantielles Interesse an dem Staate besaß. Die ade-,ligen Stände und die Studenten waren die Vorkämpfer der östreichischen Revolution.

Die Erster» hatten bereits lange zuvor das Feuer der Opposition gegen die Regie-rung geschirrt und auch in den Märzkagen den Anstoß zum Kampfe gegeben. Derenge Kreis ihrer Federungen wurde jedoch in wenigen Stunden von der seit denFebruartagen mit jeder Minute und jeder Nachricht steigenden Lust zu begehrenüberflutet. Der Mauerbrecher hatte seine Dienste gethan; man warf ihn, nachdemdie Bresche offen gelegt, als nutzlos zur Seite. Die Studentenschaft, und was sichan sie schloß, wurde der Brennpunkt der Revolution — wenigstens in Wien. AnBegeisterung und gutem Willen fehlte es ihr nicht, die stockenden Räder des Staatswieder in Bewegung zu setze»; woran es ihr gebrach, war der Sinn für das eigent-

*) Die vorliegende Arbeit schließt sich dem Artikel: „Die Märzkatastrophe in Östreich", >im fünften Bande der „Gegenwart", S. 676—74V, an. D. Red.