Ostreich. 127
liche Verfassungslebcn, und die Einsicht, daß noch Anderes als allgemeine Grund-rechte dazu gehöre, den, Staate ein organisches Dasein zu sichern. Im Besitze einerblos allgemeinen Bildung, ohne allen Haltpunkt und festen Fuß im Staate, kanntesie auch nur einzelne allgemeine Bedingungen des constitukionellen Organismus undverwechselte eine unumschränkte Preßfreiheit, ein weites Associationsrecht, den lärmen-den Gebrauch vom Rechte allgemeiner Bewaffnung — höchstens Garantie» einerfreien Verfassung — mit dieser selbst. Und auch in Bezug auf die Befugnisse derOpposition war sie z. B der Meinung, diese habe nicht etwa jeden Übergriff überdas Gesetz hintanzusetzen, sondern dürfe je nach dem Bedürfnisse des Augenblicksdieses letztere ändern und umstellen. Wie die eben gestürzte Regierung, nur in an-derer Tendenz und mit dem besten Glauben, stellte sie die Meinung über das Gesetz.Das Vielregieren widerstrebte, wie die Protokolle des wiener Studentencomite unddes Sicherheitsausschusscs beweisen, durchaus nicht der Neigung der jugendlichenStaatsmänner, und auch Privilegien und Monopole fanden sie nicht absolut ver-werflich, falls nur dadurch in ihren Augen liberale Zwecke gefördert würden. So.wurde z. B. die Petition eines gewissen, demokratisch gesinnten L. Eckart in Wienan das Ministerium, dieses möge ihn, die zur Wahlfähigkeit noch fehlenden Jahreschenken, von der Aula keineswegs misbilligend ausgenommen, und das Verlangen derprager Studenten, es möge für sie bei den Landtagswahlen von allen Altersbeschrän-kungen abgesehen und jedem Studenten (die Mehrzahl zählte unter 18 Jahren) dasactive und passive Wahlrecht eingeräumt werden, dadurch motivirt, daß die Studen-ten liberaler stimmen würden als die sonst zur Vertretung der Universität allein be-rechtigten Professoren.
Die Natur der Träger der Revolution macht die oben bezeichnete sachliche Un-bestimmtheit der Federungen, das Vergessen des freien Inhalts über der freien Formbegreiflich, sie erklärt auch eine andere Eigenthümlichkeit der wiener Bewegung: dasgänzliche Jgnoriren der Provinzen, den Unglauben, diese könnten in der Gewähranderer, vielleicht gar entgegengesetzter Foderungen ihr politisches Heil finden. Umder localcn Bewegung Wiens die unbedingte Geltung für das ganze Reich zu sichern,dazu hatte die frühere Regierung doch nicht genug alle Staatskräfte in Wien cen-tralisirt, dazu waren die einzelnen Provinzen viel zu selbständig und lebendig eigen-thümlich. Dennoch übersah man anfangs, daß nicht alle Östreichcr Wiener/ nichtalle Ständeclaffen deutsche Studenten sind. Man duldete nur einen einzigen leben-digen Mittelpunkt der Bewegung; und als die Provinzen unter dem wiederholtenRufe: Wien ist nicht Paris, Böhmen, Galizien sind keine Departements! ihren eigenenWeg betraten und von gleichen, ja noch großen: Rechten der verschiedenen Volks-stämme und Kronländer sprachen, da begann das Misverständniß, der Zwiespalt, derinnere, mit gegenseitiger Vernichtung endende Kampf.
Außer diesen meist durch die frühere politische Leblosigkeit des Volks verschuldetenUbelständen muß man auch noch das Verhalten der einzelnen Gesellschaftskreise, sowieder einzelnen Stämme bei dem Beginne der Revolution hervorheben, sollen die weiter»Wendungen der Revolution begreiflich werden. Vom Hofe bis zum Proletariat herabhat jede Schicht der Gesellschaft ihre eigene Geschichte in dieser Revolution: es wechselnin jeder vielfach Stimmung, Thätigkeit und Bedeutung, und mit dieser ändert sich auchdie Kraft des Angriffs oder Widerstandes. Zunächst freilich übertäubte der Jubelalle Verschiedenheiten und ließ mit geringen Ausnahmen alle Stände zu enthusiasti-schen Anhängern der Bewegung werden. Es gab noch keinen Inhalt, kein Pro-gramm der Revolution, gegen welches die Reaction hätte ankämpfen, es existirtennoch keine Verfassungsbestimmungen, über welche die Meinungen sich hätten theilenkönnen. Selbst die. Übertreibungen und Auswüchse der Bewegung waren in denersten Flitterwochen der Freiheit nicht so groß, um die Furcht und in ihrer Folgedie Gegenwehr der besitzenden Classen zu veranlassen. Das alte System mit seinerlächerlichen Angst vor dem Geräusche des Lebens (selbst das Lob der Behörden warvielfach untersagt gewesen) besaß keine Freunde. Es wurde, wie tausend Beispiele