128 Östreich.
bewiesen, noch ungleich mehr verachtet als gehaßt, und sein endlicher Sturz erregtedaher fast gar kein Bedauern. Nur einige in ihrer persönlichen Stellung Gefähr-dete zeigten sich gleich vom Beginne der Bewegung dieser feindselig gesinnt. DasPlötzliche der Ereignisse schüchterte aber auch sie so gewaltig ein, daß sie an keinenWiderstand dachten und wenigstens unmittelbar nach den Märztagen sich zu voll-ständiger Nichtigkeit resignirten. Fürst Mettcrnich, welcher gleich nach seiner Ab-dankung Wien verließ und mit einer solchen Hast aus Ostreich floh, daß er in einersächsischen Grenzstation sein Portefeuille vergaß*), bewahrt wol noch aus jener ZeitBriefe jüngerer Anhänger, worin sie ihren Entschluß, der politischen Laufbahn zu ent-sagen und auf alle öffentliche Thätigkeit zu verzichten, ankündigten, da denn doch aneine erfolgreiche Wirksamkeit nicht mehr zu denken sei. Es verdient bemerkt zu wer-den, daß der erfahrene Staatsmann in semen Antworten nichts weniger als Muth-losigkeit zeigte und schon damals seine Überzeugung aussprach, die alten Mächtewürden, bis nur die erste Betäubung gewichen, alles Verlorene wieder gewinnen.Vorerst dauerte noch diese Betäubung und machte jeden ernsten Widerstand gegendie Entwickelung der Revolution unmöglich. Es fehlte auch an einem Mittelpunkt,um welchen sich der Widerstand gruppiren konnte. Am Hofe selbst besaß die Revo-lution seit Erzherzog Ludwig's Rücktritt keinen gefährlichen Gegner. Die andauerndeKränklichkeit des Kaisers hinderte eine persönliche Regierung. Sein gutmüthigesWesen war für den ungestörten Fortgang der Bewegung nur förderlich und ließ dieausgedehntesten Zugeständnisse für die Zukunft hoffen, jedenfalls kein Sträuben ge-gen den Zwang constitutioneller Formen, gegen die Theilung der Gewalten befürch-ten. Die jünger» Glieder der Dynastie waren schon lange mit dem herrschendenSysteme nicht einverstanden gewesen. Daß jedoch Einzelne unter ihnen die Schwächungder Centralgewalk gern gesehen, in der Hoffnung, daraus irgendwie Vortheil zu ziehen,war eine gänzlich unbegründete Meinung, die nur in dieser Zeit der Verwirrungauftreten konnte. Gewiß ist es, daß alle Glieder, auch jene, welche in Furchtüber das Kommende schwebten, durch verdoppelte Herablassung die Mächte des Tagsfür sich zu gewinnen suchten —'eine Handlungsweise, welche bei der traditionellenLeutseligkeit der Dynastie keiner neuen Schule bedurfte und wenigstens in den Pro-vinzen des Erfolgs sicher war.
Der Hof, ängstlich bemüht, sich in die ungewohnte Lage zu finden und jedenSturm von sich abzuwehren, war allerdings von einer Schar alter Staatsmännerumgeben. Diese Kolowrat, Kübeck, Hartig, Jnzaghi u. s. w. bildeten aber keinePhalanx, nicht einmal eine einfache Brustwehr. Unbekannt mit den faktischen Zu-ständen, ungewohnt, ein anderes als das alte Hofkanzleigeleise zu betreten, ohneAhnung, daß Erlasse und Decrete nicht immer zur Regierung ausreichen, unfähigzu jeder persönlichen Unterhandlung, unfähig durch den Mangel an Intelligenz so-wöl wie durch den Mangel an Muth, bewilligten und unterschrieben sie mit zittern-der Hand Alles, was man von ihnen verlangte. Hätte einer der wiener Wortfüh-rer damals nach der Sarabande gerufen, die Furcht hätte sie sogar tanzen gelehrt.Von diesen Leuten konnte die Regierung keinen Schutz, nicht einmal einen praktischenRath erwarten, von ihrer Staatskunst die Besonnenen keine kühne Bemeisterung desrevolutionären Stroms hoffen. Ihre Staatskunst bestand darin, ohne Plan undVoraussicht von einem Tage zum andern zu leben, mit den Zugeständnissen zu zö-gern, bis diese nicht mehr genügten, dann aber in furchtsamer Hast nachzugebenund der triumphirenden Menge das üble Schauspiel einer durch Drohungen leichteinzuschüchternden Regierung zu bieten. Das rechte Urtheil über diese Staatsmän-ner der alten Schule hat die spätere Restaurationspolitik gesprochen, indem sie zwarihre Grundsätze annahm, die Personen aber strenge von sich fernhielt. Sie theilte»die Unfähigkeit und Ohnmacht mit der Mehrzahl der niedern Beamten, die gleichfallsaus dem Zittern und Schwanken nicht herauskamen, und durch ihren Eifer, zwischen
*) Das Portefeuille wurde ihm jedoch von dem Finder »»eröffnet nachgeschickt.