129
Östreich.
der alten Gewohnheit und neuen Nothwendigkeit hindurchzuschiffe», zur Verwirrungder politischen Geschäfte wesentlich beitrugen. Die Erster» theilten jedoch nicht mitden Letztem die Entschuldigungsgründe.
Die untern Beamtenclassen genossen in Ostreich eine überaus karge Besoldung.Nach unentgeltlicher zehnjähriger Praxis mußten sie einen Gehalt von L—600 Gul-den als eine unverhofft schnelle Versorgung ansehen, und da diese Summe offenbarzum Unterhalte nicht hinreicht, das Übrige auf andere Weise einzubringen suchen.Natürlich richtete sich der Diensteifer nach der Besoldung, und es war nach denMärztagen die Lust, für die Ausrechthaltung des Negierungssystems einzustehen,nicht allzu groß. Gerade von den verschiedenen Beamtenkategorien ergingen, mitAusnahme der unkerthänigen Bauern, die meisten Petitionen an die konstitutionelleRegierung um Verbesserung ihrer Lage. Auch machten sich hier wegen der nähernBerührung mit dem Volke zwar nicht ein klares politisches Bewußtsein, wol abernationale Einflüsse geltend und führten dem revolutionären Lager, wenigstens in derersten Zeit, einzelne Scharen aus den niedern Beamtenkreisen zu.
Eine vollständige Betäubung in den obern, eine nicht geringere Rathlosigkcit inden untern Regionen der Bureaukratie waren die nächste Folge der Märzercignisse:in dem plötzlichen Stillstand aller administrativen Thätigkeit, in einer unerhörtenAnarchie in allen Negierungskreisen äußerten sich die ersten Wirkungen der Revo-lution.,, Man möchte glauben, diese Wirkungen wären für den reichen, unabhängigenAdel Ostreichs, der ja mit gegen den Thron angestürmt und zuerst den Ruf nachRechten angestimmt, weniger herabstimmend und peinlich gewesen. Der kurze Augen-blick aber, in welchem es vielleicht dem Adel vergönnt gewesen, sich an die Spitze derBewegung zu stellen, war nutzlos verstrichen. Ihn zu fassen, fehlte es der Aristo-kratie an Geschick, an Kraft, an Charakteren. In Wien riß die MassenbewegungAlles mit sich fort, in den Provinzen, wo die Stellung des Adels günstiger, sank denalten Ständen im Hinblick auf die mächtige Concurrenz des Bürgerthums im ent-scheidenden Momente der Muth zur frischen That. Die Adeligen trugen Cocarden,verrichteten Nationalgardendienste, doch selbständig aufzutreten, wie einzelne kräftigerePersönlichkeiten unter ihnen (Graf F. Denm in Prag muß hier genannt werden)verlangten, durch die Theilnahme an dem Kampfe auch das Recht am Mitgenussedes Siegs zu erringen, dies wagten sie nicht. Eiuestheils waren sie durch Fami-lieninteressen, durch den stillschweigenden Vertrag mit der Regierung, die höher»Posten im Armee- und Civildienste jünger» Söhnen als Sincmre zu überlassen, anden Hof gekettet, anderntheils versetzte sie ihre misliche sociale Stellung, das Be-wußtsein, ein altes, am Bauernstande geübtes Unrecht nicht rechtzeitig gesühnt zuhaben, in passive Angst und Furcht. Auf diese» Punkt, auf die Ergründung derMittel und Wege, ohne Gefährdung ihrer Interessen und ihres Besitzes sich mit denUnterthanen abzufinden, die Unterthanslasten schwinden zu machen, ohne Herrenrech-ten nahezutreten, richtete sich ihre ganze Aufmerksamkeit. Sie dachten, sprachen,handelten und schrieben nichts als „Robot" und was damit zusammenhing. Einegewisse Bangigkeit über den Ausgang dieser Lebensfrage für den großen Grundbesitzkonnten sie um so weniger abwehren, als sie wol wußten, zwei Hrhre zuvor diegünstige Gelegenheit zum Abschlüsse der leidigen Sache aus bloßem Ubcrmuthe ver-ftumt zu haben. Bis dahin hatte die bekannte Furcht der Regierung vor allenNeuerungen die zeitgemäße Resorm des bäuerlichen Grundbesitzes hintertrieben, dieAblösung der Feudallasten sogar verboten. Erst die blutige Lösung, welche die gali-zischen Bauern der Robotfrage gegeben, bewog die Regierung, von ihren gewöhn-lichen Stabilitätsprincipicn abzuweichen und die Unterthanslasten durch freies Überein-kommen der Betheiligten für ablösbar zu erklären. Daß sie diesmal von ihrer abso-luten Gewalt keinen Gebrauch machte, daß sie mäht wenigstens einen letzten Terminfestsetzte, nach dessen Ablauf an die Stelle des Übereinkommens der Zwang einzu-treten hätte, dankten ihr jetzt gerade die auf ihre Privilegien pochenden Hcrrenguts-Die Gegenwart. X. 9