212 Die Vereinigten Staaten von Nordamerika.
Türkei und die neuen Constellationen in der Politik der europäischen Cabinete habeninzwischen die Plane der Flüchtlinge in England und Amerika durchkreuzt und ihnenein ferneres Zuwarten aufgezwungen. Ebenso hat der irische Flüchtling John Mit-chcll, der sich von Australien nach Amerika rettete, mit einem Aufrufe zur Er-oberung Canadas keinen Anklang gefunden. Es müssen diese Angelegenheiten insAuge gefaßt werden, weil sie in mehr als einer Hinsicht von Belang sind, undzeigen, wie heftig die verschiedenen Elemente in den Vereinigten Staaten gähren.
Die Erhebung der Magyaren hatte in den Vereinigten Staaten, in denen dieVolksmenge mit den innern Verhältnissen der europäischen Staaten keineswegs genaubekannt ist, viele Sympathien gefunden, und diese wurden von den Parteipolitikernausgebeutet, um politisches Capital zu machen. Die Ungarn hatten sich an denamerikanischen Geschäftsträger Stiles in Wien um Übernahme einer Vermittelungmit dem kaiserlichen Hofe gewandt; ein amerikanischer Agent, Dudley Mann, früherConsul in Bremen, hatte sich längere Zeit in Pesth aufgehalten und eine Anerken-nung Ungarns in Aussicht gestellt. Als dann später angesehene Flüchtlinge von derPforte in Kleinasien internirt waren, wandten sich im September 1849 amerikanischeBürger an ihren Ministerresidenten in Konstantinopel, Herrn Carr, mit der Bitte, Al-les für die Rettung der Flüchtlinge zu wagen, deren Auslieferung an Ostreich der Sul-tan denn auch verweigerte. Schon im Januar 1850 empfing Präsident Taylor mehreMagyaren, welche nach Nordamerika entkommen waren, und einer der angesehenstendemokratischen Staatsmänner, Senator Caß von Michigan, drang im Congreß wie-derholt darauf, alle politischen Beziehungen mit Ostreich abzubrechen, während daslehtere durch seinen Gesandten in Washington, den Ritter Hülscmann, gegen dasVerfahren protestirte, welches die Vereinigten Staaten in den ungarischen Angele-genheiten befolgen: dasselbe sei völkerrechtswidrig und mit dem von Nordamerika auf-gestellten Grundsätze der Nichteinmischung unverträglich. Diese energische Vorstellungfand eine, man kaun wol sagen ungezogene Aufnahme im Congreß, und der Staats-sekretär Webster entgegnete in einem ungemein scharf abgefaßten (von Eduard Everettconcipirten) Schreiben: dem kaiserlichen Cabinet in Wie» stehe es umsowenigeran, sich über Dudley Mann's Thätigkeit in Ungarn zu beschweren, da gerade Ostreich
zur Zeit des Unabhängigkeitskriegs der 13 Provinzen gegen England „eS an Auf-
munterung zum Widerstand und zum Ausharren nicht habe fehlen lassen und zujener Zeit ein Agent Östreichs in Amerika thätig gewesen sei". Übrigens sei HerrMann nicht als Beauftragter der Washingtoner Regierung, sondern als Privatagentmit einer besondern Mission nach Ungarn gekommen. Die Parteiführer benutzten
eine so willkommene Veranlassung, um die öffentlich. Meinung aufzuregen und aus-
zubeuten. In Hunderten von öffentlichen Versammlungen wurden heftige Beschlüssegegen Östreich gefaßt, und im Kongresse ging der Beschluß durch, den „Gouverneur"Kossuth als Ehrengast der amerikanischen Nation nach den Vereinigten Staaten ein-zuladen. Von Seiten der osmanischen Pforte war erklärt worden, daß sie dieungarischen Flüchtlinge nicht länger als bis zum 1. Sept. 1851 in Gewahrsamhalten werde, und die amerikanische Regierung stellte durch ihren Gesandten in Kon-stantinopel, Herrn Marsh, dem Haupte des ungarischen Ausstandes die Dampffre-gatte „Mississippi" zur Verfügung. Kossuth ging noch im September an Bordund langte, nach einem kurzen Besuche in England, am 5. Dcc. in Neuyorkan. Man empfing ihn mit lautem Jubel und großem Gepränge, in welchem sichdie Absichtlichkeit nicht verkennen ließ. Der Flüchtling war um so willkommener,da er gleichsam als eine Art Sicherheitsventil benutzt wurde; denn sein Erscheinenlenkte auf einige Zeit die Aufmerksamkeit von den innern Parteistreitigkeiten ab undwies dem Strome der öffentlichen Meinung eine neue Richtung an. Überall schmückteman Straßen und Plätze, beflaggte die öffentlichen Gebäude, sandte Deputationen,veranstaltete Bankete in Neuyork, Philadelphia, Baltimore und vielen andern Städ-ten. Am 30. Dec. zog Kossuth in Washington ein, wurde am 31. vom Präsiden-ten Fillmore empfangen, erschien am 5. Jan. 1852 im Senate und zwei Tage