Die Vereinigten Staaten von Nordamerika. 219
fünfjährigem Aufenthalt ini Lande zugestehen wollen, und von der theilweise nicktunrichtigen Ansicht ausgehen, daß zur Ausübung und für das Verständniß der po-litischen Freiheiten Amerikas eine längere Übung gehöre. Sie bildeten daher 1845eine eigene Partei, jene der Nativcs, welche sich zu Philadelphia organisirte, dieBenennung „amerikanische Republikaner" annahm, und in einer Platform den Satzaufstellte, daß die Einbürgeruugsgesehe zu ändern seien und an die Stelle der fünfJahre 21 treten müßten. Sie wollten außerdem dem Andränge der Einwandererdurch verschiedene Maßregeln, z. B. höheres Kopfgeld z>: steuern suchen. Dagegenerhoben sich die Eingewandcrten und die Demokraten. Die Nativcs verschwanden alsorganisirte Partei schon nach wenigen Jahren, und Viele von ihnen traten in einenGeheimbund, den „Orden der vereinigten Amerikaner", der weite Verzweigungen inden neuenglischen Staaten und im Westen hat. Seine Mitglieder verhalten sichdurchweg ausschließend gegen die Eingewanderten und „adoptirken Bürger", insbe-sondere aber gegen die Jrläuder. Sie kaufen nicht von ihnen, nehmen von denselbenkeine Arbeit an, dürfen bei keinem Adoptirten arbeiten; und einer von ihnen erklärte:daß die Einwanderer lediglich als Arbeitsmaschinen zu betrachten seien. Sie wollendie Fremden möglichst aus dem Geschäftsverkehr fernhalten. Neuerdings hat dieseRichtung einen starken Ausdruck in dem Orden der Know Nothings gefunden, diezu Anfang 1854 in Philadelphia und Neuenglaud sich bei den Wahlen bemerklichmachten und weit verzweigt sind.
Kirchliche, religiöse und moralische Gegensätze.
Die Kirchlichkeit hak in Nordamerika vielfach eine große Herbigkcit gewonnen,und in den Reihen der Protestanten wie der Katholiken tritt sehr oft ein höchstwiderwärtiger und abstoßender Fanatismus zutage, der böse Auftritte veranlaßt.Vielen republikanischen Protestanten, namentlich den Puritanern, Methodisten undBaptisten, ist die katholische Hierarchie ein Dorn im Auge; selbst manche Ka-tholiken haben sich gegen die hierarchischen Bestrebungen der Bischöfe aufgelehnt,insbesondere gegen den Erzbischof Hughes von Neuyork, seit derselbe mit dem Planhervortrat, alles katholische Kirchenvermögen unter seine ausschließliche Controle zustellen. Dazu kam, daß sich vorzugsweise die Jrländer zu gewaltkhä'tigen Handlun-gen gegen protestantische Controversprediger fortreißen ließen, während unter ihrenPriestern manche in den wildesten Diatriben gegen die Protestanten sich gefielen.So stellten sich die Fanatiker zweier kirchlichen Parteien wild und rachsüchtig einan-der gegenüber: Jrländer trieben mit Knütteln protestantische Versammlungen aus-einander, Protestanten erklärten, es habe Zeiten gegeben, in denen man katholischeKirchen in Asche gelegt, und dergleichen Zeiten könnten wiederkehren. Der Mar-mvrblock, welchen der Papst für das Denkmal Washington's aus Rom gesandt,wurde im April 1854 bei Nacht geraubt und in Trümmer zerschlagen. Die Reden,welche im Jahre 1855 ein von den Katholiken vielfach mishandelter Priester, deritalienische Pater Gavazzi, hielt, trugen wesentlich dazu bei, die Abneigung gegen dieHierarchie zu vermehren. Gavazzi gründete vor seiner Rückkehr nach England inNeugork ein Blatt gegen den Papst und die Hierarchie, den „Cruzadcr", gegendessen Herausgeber im April 1854 ein Gegner Gavazzi's einen Mordanfall unter-nahm. Die Rundreise des päpstlichen Nuntius Vedini in den Vereinigten Staatengab 1855 vielfach zu unruhigen, in Cincinnati sogar zu blutigen Auftritten Anlaß,da die italienischen Flüchtlinge über das Verhalten dieses Priesters während deritalienischen Revolution in Bologna eine Reihe haarsträubender Thatsachen veröf-fentlichten. Bcdini war am Ende seines Lebens nicht mehr sicher. In St.-Louiserregte es im November 1855 den größten Anstoß, daß der dortige katholische Bi-schof Kendrick in der Kathedrale ein Hochamt feiern ließ, um in Bezug auf denGlaubenskrieg gegen die Türken den Segen des Himmels auf die christliche» WaffenSr. Majestät des Kaisers von Rußland herabzusehen. Unter solchen Verhältnissenvermehrt sich die Zahl Derer, die gar nichts glauben und principiell sich von all