Östreich. 249
folgenden (7. Text.) Sitzung. Die Sache selbst blieb unerledigt. Das Schiedsge-richt, welches zur Feststellung des Thatbestandes gewählt worden war, verschob sei-nen Ausspruch bis in die Octobertagc; nach denselben fiel es keiner Partei me.hrein, den Streit wieder anzuregen.
Hinsichtlich der Sanctionsfrage einigte sich die Versammlung, mit Zustimmungdes Ministeriums, über einen Mittelweg. Es wurde auf Schmitk's Antrag derNeichstagsbcschluß zur beistimmenden Unterschrift des Kaisers dem Ministerium mit-getheilt. Am 7. Sept. war endlich der Kudlich'sche Antrag vollkommen erledigt:von diesem Tage an hatte die Untcrlhamgkeit auf dem gesammten Gebiete des Kai-serstaaks aufgehört. Die Art und Weise, wie der Reichstag die Frage gelöst,hatte denselben nicht im günstigsten Lichte gezeigt, traurige Blößen und Schwächendesselben, eine maß- und ziellose Apposition, eine schwankende Majorität, eine un-klare Ncgicrungspolitik aufgedeckt. Aber er hatte dennoch eine That, seine ersteund — seine letzte vollführt, die Basis einer neuen gesellschaftlichen Ordnung ge-schaffen. Wenn auch die östreichische Revolution nichts Anderes znwcgegcbrachthätte, als den Bauernstand zu befreien und den unterthänigen Besitz in einenfreien, selbständigen zu verwandeln — und allerdings beschränken sich darauf undauf die Gründung einer centralisirten Administration ihre Resultate —, so konntesie nicht als eine vergebliche und fruchtlose angesehen werde». Vom 7. Sept. 1848 angab es in Östreich eine neue Gesellschaft, und mit dieser eine neue staatliche Ordnung.
Wien im August und September; der Deutschkatholicismus in Wien; der Fünfkceuzerkrawall;die Auflösung des Sichcrheitsausschusses; der Sprachenstreit im Reichstage.
Die Leidenschaften der wiener Bevölkerung hatten sich in den Maistürmen füreinige Zeit ausgetobt. Die nächsten Wochen zeigten Sonnenschein und Windstille.Die militärischen Festlichkeiten zu Ehren des Reichsverwesers und des zurückgekehrtenKaisers, die ersten Sitzungen des Reichstags fesselten die allgemeine Aufmerksamkeit,der Sicherheitsausschuß und die demokratischen Vereine fanden die für Mitgliederund Zuhörer bestimmten Räume verlassen. Bei der liberalen Haltung des Mini-steriums, das Demokratcnführcr unter seinen Secretären und Studenten als Galo-pins zählte, war das Ansehen des Sicherheitsausschusses in den Schatten gestellt,während die Theilnahmlosigkeit des Publikums gegen Alles, was nicht aus denReichstag Bezug halte, vorläufig den Vereinen jeden Einfluß unmöglich machte. Erstin der Mitte des Augustmonats begann wieder die Wolkcnbildung am politischenHorizonte. Der Reichstag hatte sich nicht so begeistert für die Grundsätze der wienerDemokratie gezeigt, als man gehofft; er hatte den Sicherheitsausschuß keiner Silbegewürdigt, dagegen in seiner Mehrheit das Ministerium gestützt., Im Schoose desAusschusses regte sich Eifersucht über die ausschließliche Macht der constituirendenVersammlung und Verdruß über die eigene Bedeutungslosigkeit. Durch den ausder Verbannung zurückgekehrten Schütte und Andere waren den Agitationsmännernfrische Kräfte erwachsen, und die allmälig sich abkühlende Theilnahme für das Vcr-fassungswcrk bot die Gelegenheit, die Aufmerksamkeit der Menge auf die locale Agi-tation zurückzulenken. Die religiösen Interessen waren bis dahin in Wien noch nichtin das Spiel gezogen worden. Auch darin unterschied sich Wien von den Provinzen,wo, namentlich i» Böhmen, gleich in den Märztagcu die Bewegung auch das reli-giöse Gebiet beschütten hatte und zahlreiche Priester thatsächlich aus dem kirchlichenBande austratcn. Es wird dieser Unterschied theils durch den Unistand erklärt, daßdie Leiter der Revolution in Wien der Mehrzahl nach nicht dem katholischen Glau-ben angehörte», also kein persönliches Interesse an einer kirchlichen Bewegung besaßen,theils durch die Macht, welche in Wien wie in den engern östreichischen Provinzenüberhaupt der Katholicismus auf das Gemüth des Volks ausübt. Auch Fitster, derb°ch sonst sich rühmen durfte, auf der Höhe des Radicalismus zu stehe», wagteAnsspruch gegen die Kirche. Man sagte ihm nach, er trachte nach dembischöflichen Hute, und nannte ihn den konstitutionellen Bischof von Wien.