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Erst der Augustmonat machte Wien auch mit der kirchlichen Agitation bekannt.Am Tage Maria-Himmelfahrt wurde a» den alten geschwärzten Mauern des Ste-phansdoms ein riesiges Placat angeschlagen und mit Eifer von der Menge gelesen,welches den Titel führte: „Eine neue Religion in Wien", Ronge's Ankunft ankün-digte, die Lehren des Deutschkatholicismus in sechs Punkten auseinandersetzte undzur Theilnahme an einer Volksversammlung im riesigen Odeonsaale einlud. DieAuffodcrung zum Beitritte an die neue Lehre ging von zwei in den untern Volks-schichten wohlbekannten Kaplänen: Pauli und Hirschberg, aus und erfreute sich derUnterstützung aller Radikalen. Gewissermaßen als Gegendienst erklärte die Versamm-lung im Odeonsaale ihren Beitritt zur Adresse, welche Schütte zu Gunsten der äu-ßersten Linken im frankfurter Parlamente auslegte. Diese Adresse hatte bereits imSicherhcitsauöschussc zu einer Spaltung Anlaß gegeben, indem eine bedeutende Mino-rität ihre Unterschrift unter die Adresse verweigerte. Dieselbe hatte den Sicher-heitsausschuß in den Geruch des Nepublikanismus gebracht, in welchem die Aulawegen der hier aufHccker ausgebrachten Hochs schon lange steckte. Die Adresse gabnun auch den Deutschkatholiken, welche sich ihr angeschlossen hatten, eine Stellungunter den wiener Parteien, die der Neuerung wenig günstig sein konnte. Gleichihre erste Versammlung hatte durch das voreilige Herbeiziehen politischer Debattenein gewaltsames Ende gefunden. Die skandalsüchtigc Menge, die den Saal füllte,kam mit harten Worten aneinander, und die Sitzung mußte schleunigst aufgehobenwerden, oder vielmehr sie wurde durch den Zusammenstoß der Parteien gesprengt.Damit war auch das Schicksal dieser kirchlichen Bewegung entschieden: sie zählte vonnun an zu den öffentlichen Skandalen. Bei der nächsten Versammlung (20. Aug.)wurde ein geringes Eintrittsgeld abverlangt. Dies und daß die erwartete Fortsetzungdes Skandals ausblieb, entfernte die Theilnahme der Massen. Der Deutschkatholi-cismus verlief sich spurlos. Auch die Controverspredigten des ultramontanen Gärt-ner in der Universitätskirche, auch das thränenreiche Placat des wiener Klerus, daSvon der riefen Wunde sprach, welche Ronge's Freunde der katholischen Religion inWien geschlagen, lenkten nicht die Aufmerksamkeit auf den Deutschkatholicismus zu-rück, zumal alS bald nach seinen ersten Regungen die ausgebrochenen Arbeiterunru-hen der Neugicrde, Bewegungslust und Skandalsucht der Wiener überreiche Nah-rung verschafften.
Der Glaube der Arbeiterklasse, sie sei die beste Stütze der Freiheit und auSdiesem Grunde berechtigt, ihre Lohnfoderungen zu erhöhen, und zwar im verkehrtenVerhältnisse zur Größe der geleisteten Arbeit, war als Vermächtniß der französischenFebruarrevolution ebenso gut nach Wien wie nach Berlin gelangt. Auch in Wienhatte man, um der Arbeitlosigkeit zu steuern, ziemlich unnütze Erdarbciten, Abtra-gung von Bergen u. s. w. in Angriff genommen; auch hier hatten sich die Arbeits-plätze iu politische Versammlungen verwandelt; auch hier unter den zumeist aus ar-beitsscheuen Leuten, dann Weibern und Halberwachsenen bestehenden Arbeitern sichder Grundsatz verbreitet, der Zweck ihrer Zusammenkünfte sei: in Gesellschaft nichtszu thun. Da es in der Stadt in den geregelten Arbeitszweigen notorisch an Kräf-ten fehlte und der nahende Winter Sparsamkeit mit den noch disponibel» Geldmit-teln empfahl, so beschloß das Ministerium am 18. Aug. eiue Herabsetzung des Tage-lohns für Weiber und Kinder von 20 auf 15 Kreuzer. Bei der.Ankündigung die-ser Maßregel (19. Aug.) verhielt sich die Arbeiterbevölkerung vollkommen ruhig-Erst nachdem man die Sonntagsruhe zur gründlichern Beleuchtung der Sachlagebenutzt und in sich das Gefühl des erlittenen Unrechts künstlich genährt hatte, be-gann der Widerstand gegen die Lohnherabsetzung. Nicht vergessen darf dabei derUmstand werden, daß unter den Arbeitern das Gerücht ging, Erzherzog Johann habefür sie eine Million in Wien zurückgelassen. Es erschien also die Verminderung desLohnes als ein Eingriff i„ ihr Eigenthum. Am 21. Aug. begannen die Unruhenim Prater, ohne daß es jedoch zu groben Widersetzlichkeiten kam. Übrigens seWes nicht a» Vorsichtsmaßregel», jede heftigere Bewegung zu unterdrücken. Die M-