Band 
Zehnter Band.
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Östreich.

sich aus diesem Verhältnisse zu retten. Im höchsten Grade gefahrdrohend warenaußerdem die ungarischen Zustande auch für das östreichische Vcrfassungslebcn. Wemwaren die wiener Minister fürihre Thätigkeit in Ungarn verantwortlich? Dem unga-rischen Reichstage nicht, denn dieser kannte nur die ungarischen Minister in Buda-Pesth;dem östreichischen Reichstage nicht, denn dieser war für die ungarischen Angelegenheitennicht competent. Und dennoch ruhte diese Thätigkeit nicht und machte sich in gehei-men Intriguen gegen die magyarische Regierung und einer ofsiciösen Unterstützungdes Banus geltend. Man konnte es der östreichischen Regierung nicht verargen, daßsie die Nebencinandersiellung zweier selbständigen Verfassungen im Staate mit demWesen des Staats unvereinbar fand, obzwar sie es selbst gewesen war, welche sichin den Märztagen durch das unorganische, stückweise Verleihen von Freiheiten undPrivilegien diese Schwierigkeiten aufgeladen hatte. Wenn aber die Regierung zuWien die ungarische Angelegenheit im Interesse des Gesammtstaats richtig würdigte,so hätte'sic doch in tieferer Weise die Lösung versuchen solle», als durch halbe, ad-ministrative Maßregeln und eine inconsequeiitc, furchtsame Politik. Daß die Ein-berufungsacte des östreichischen Reichstags nicht in offenkundiger Weise einige Bänkefür die ungarischen Abgeordneten reservirte, war ein großer Fehler. Denn neben demconstituir/nden Reichstage konnte nur ein ungarischer Landtag, neben der pesthcr Na-tionalversammlung nur eine Consulta ohne konstitutionelle Rechte in Wien bestehen.Schwerlich wären die Ungarn der Einladung gefolgt. Man hegte in Pesth vornneuen Östreich keine bessere Meinung als vorn alten begrabenen. Aber die Positionwäre auf beiden Seiten klar geworden. Die Foderungen der Centralregierung hätteneine liberale Basis, ihre Maßregeln den Beifall der östreichischen Majorität gewonnen,während jetzt die Angriffe auf die zweifellos legitime ungarische Verfassung einer recht-lichen Grundlage entbehrten und von allen Liberalen mit Zittern erwartet wurden.

Zm Attgustmonate tauchten die ersten Interpellationen bezüglich des ungarisch-kroatischen Kriegs auf. Sie bezogen sich auf das Schicksal der k. k. Offizierewelche gezwungen waren, gegen ihren Willen gegen Waffenbruder zu kämpfen. DerKriegsminister Graf Latour gab daß Verhängnißvolle, aber gleichzeitig das Unab-wendbare eines solchen Zufalls zu und erklärte, daß die deutschen Regimenter auöUngarn zurückgezogen würden. Hinsichtlich der deutschen Offiziere in ungarischenRegimentern sprach er den Wunsch aus, sie möchten die ungarischen Offiziere indeutschen Regimentern zum Tausche bereit finden. Noch standen also die Wagscha-len zwischen den Magyaren und Kroaten ziemlich gleich. Bei einer spätern Inter-pellation (L. Sept.) wurde die Unterstützung des Bauus aus östreichischen Mittelnabgeleugnet, und eine freundschaftliche Geschäftsverbindung mit dem ungarischen Fi-nanzminister behauptet. Wenige Tage später (11. Sept.) erklärte der MinisterDoblhof, die serbischen Truppen, welche auf dem Schauplätze des Kriegs angelangtwaren, wären nicht von der östreichischen Regierung herbeigerufen worden, wies aberschon auf die Schritte hin, welche das wiener Ministerium zur Vermittelung desStreits zwischen den beiden Nationalitäten gethan hatte. Von da bis zur Entschei-dung gegen die Ungarn war freilich noch ein weiter Weg, aber auch dieser wurdein wenigen Tagen zurückgelegt.

Die ungarische» Wirren nahmen in den ersten Septembertagen die entschei-dende Wendung. *) Die Mission der beiden Minister Batthyäny und Deäk amwiener Hose hatte keinen Erfolg. Auf Kossuth's Vorschlag ging am 5. Sept.eine Riesendeputation, aus 120 Mitgliedern bestehend und von Päzmändy geführt,nach Wien, um die Bestrebungen der beiden Minister nachhaltig zu unterstützen-An demselben Tage, an welchem es der Deputation gelang, vor den Kaiser zu ge-langen, kam auch die erste Kunde von, der bisher geheim gehaltenen Rehabilitation desBanus in allen seinen Würden und Ämtern nach Wien. War'schon im Volke und

") Vgl. hierüber den Artikel „Die ungarische Revolution im Zahre 1848", im fünftenBande der „Gegenwart", S. AN fg.