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Zehnter Band.
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Östreich. 257

unter den Unbetheiligten die Aufregung über diesen Act groß, so steigerte sie sich bei derDeputation zur heftigsten Entrüstung. Kaum daß sie die — übrigens ausweichende— Antwort des Kaisers aus ihre Adresse angehört, verließen sie Wien, die Kut-schen und Pferde mit rothen Bändern geschmückt. Die Sympathien des wienerVolks, welches gutmüthig genug die Wcrbcplätze für den Banus und die Ungarnnebeneinander duldete, gingen mit ihnen.

Was die Ungarn nicht auf unmittelbarem Wege von der östreichischen Regie-rung erlangen konnten, hofften sie durch die Vermittelung des wiener Reichstags zuerreichen. In der Sitzung vom 18. Sept. wurden 12 Männer, unter ihnen Deal,Pulszky, Eötvös, Szemere, von der ungarischen Nationalversammlung abgeordnet, umim wiener Neichstagssaale die Anträge und Beschwerden der ungarischen Nationvorzubringen und von den Vertretern Östreichs die Intervention zwischen der Kroneund dem Volke, sowie zwischen den Magyaren und den Kroaten zu federn. Ausdiese Art wurde die ungarische Frage dem Reichstage unmittelbar an den Leib ge-rückt. An dem Tage, wo über die Bitte der ungarischen Deputation, Gehör zuerhalte», verhandelt wurde, lag die Entscheidung über Östreichs Schicksal allein inden Händen des Reichstags. Er entschied für den König gegen die Ungarn — gegensich selbst. Die Sitzung vom 19. Sept., wie sie zu den belebtesten, aufgeregtestenund längsten gehörte, welche der Reichstag überhaupt gehalten, war auch die folgen-reichste von allen.

Gleich im Beginn der Sitzung trug der Präsident das Beglaubigungsschreibender Deputation vor. Ihrer Einführung in den Reichstag glaubte er mit Rücksichtauf die Geschäftsordnung, welche die Zulassung von Deputationen verbot, sich wi-dersetzen zu müssen. Da erhebt sich der Abgeordnete Sicrakowski, die Zange, derensich die Linke bei brennende» Fragen gewöhnlich bediente, und stellt den Antrag ausUmgehung der Geschäftsordnung. Borrosch übernimmt die Begründung: „DerWeltgeist pocht heute an die Pforten dieses Hauses, aber die Geschäftsordnung stelltsich als Pförtnerin hin und diese Geschäftsordnung soll für die Gesetzgeber eineTyrannin sein? Können wir Vcrfassungsgesetze berathen, wenn ringsum der Bür-gerkrieg droht? Sollen wir unser Friedensmittleramt nicht auch dahin ausdehnen,wenigstens das Empfangsorgan für die Wünsche der mit uns verbrüderten Völkerzu werden, um sie vorzutragen an den Stufen des Throns? Es sind nicht die Ma-gyaren, die wir empfangen, es könnte in diesem Momente auch eine kroatische, wa-lachische Deputation an der Pforte stehen, und ich würde ganz Dasselbe zu ihrenGunsten beantragen. Der Genius Ungarns, der Genius der Gesittung unb desFriedens ist es, der an uns sich gewendet hat. Ich schlage vor, an den blos gast-freundlichen Empfang keine Debatte zu knüpfen; für jetzt wünsche ich nur, was dasGastrecht, was das Ehrgefühl gebietet: die gastfreundliche Aufnahme dieser Ge-sandtschaft."

Im Namen der czechischen Rechten, deren Überzeugungen in Bezug auf dieungarische Angelegenheit bekannt waren, übernahm der Abgeordnete Niegcr die un-dankbare Aufgabe, für die Wahrung der Geschäftsordnung zu sprechen. Natürlichblieb kein Redner bei der Formaldebatte stehen, sondern ging auf das Materielle derFrage ein. „Diese Gesandten sind nicht gekommen, um uns die Erklärung abzu-geben, daß auch sie diesen gemeinsamen Reichstag beschicken wollen, oder um unsdie Versicherung zu bieten, daß sie den Völkerschaften Ungarns Gerechtigkeit wider-fahren lassen, daß diese Völker von nun an volle Gleichberechtigung genießen sollen.Sie sind nicht gekommen, um zu erklären, daß sie von nun an den gebührendenTheil der Staatsschuld auf sich nehmen wollen. Und wenn sie wirklich zu allemDiesem hergekommen wären, dann sage ich, wir sind keine Diplomaten in corpore,daß wir mit fremden Gesandten in eine Verhandlung eingehen können."

Um die immer leidenschaftlicher sich entwickelnde Debatte abzuschneiden, trug^ ein Abgeordneter auf den Übergang zur Tagesordnung an. Aber darüber erhobDie Gegenwart. X. 17