Band 
Zehnter Band.
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258 Östreich.

sich erst ein gewaltiger Tumult. „Hier handelt es sich um das Wohl der Momarchie; wer kann hier auf die Tagesordnung antragen?" rief Goldmark, und schlugmit der geballten Faust so heftig auf den Tisch und geberdete sich mit seinen Ge-nossen so ungestüm, daß die Sitzung, nachdem der Ordnungsruf und das Glocken-ziehen wirkungslos geblieben, auf eine halbe Stunde unterbrochen werden mußte.Nach der Wiederaufnahme der Sitzung wurde die Verhandlung, welcher die ungarischeDeputation in der Diplomatenloge zuhörte, fortgesetzt. „Die Frage ist ganz einfach",meinte Goldmark. „ Wollen wir uns an die formelle Seite, die Geschäftsordnunghalten, oder die materielle, den Bürgerkrieg berücksichtigen? Die Antwort wird sichJeder geben, der nicht blos den kalten Verstand (und ich kann Sie versichern, esweht mich heute in diesen Räumen eine Kälte an, die rein sibirischer Natur ist),sondern auch das Herz reden läßt. Wir sind nicht blos hier, um die Cvnstitutionzu geben und alles Übrige darüber zugrunde gehen zu lassen. Und geht etwa inUngarn nicht unser eigenes Interesse zugrunde? Unsere Fabrikanten hier, die jetzthungern, habe» sie etwas davon, wenn Sie ihnen eine Cvnstitution geben und denBürgerkrieg auf eine Weise wüthen lassen, daß die Kornkammer Ostreichs in Feuerund Brand aufgeht. Wollen Sie der Freiheit eine Gasse öffnen, so öffnen Sie derDeputation die Thüre." Nicht auf das liberale Gefühl der Versammlung, sondernauf den bekannten Ehrgeiz der mächtigsten Fraction — der Czechen, suchte Löhnerzu wirken. „Wenn die Monarchie nur so lange zusammenhält, als die Slawenwollen, wohlan Slawen, zeigt es heute, daß es Ernst ist, haltet sie. Was habendie Kroaten und Slawen von diesem Reichstage zu fürchten? Blicken Sie um sich,Sie sehen, die Mehrzahl von Ihnen sind Slawen. Die Magyaren bitten Sie, wirbitten Sie, wir vertrauen auf ihre Unparteilichkeit; von der Majorität der Slawenerwarten wir mehr Gerechtigkeit als von den dunkeln Schlangengängen der Hofpo-litik. Wenn wir heute sagen: Zur Tagesordnung mit den Anfragen der Ungarn!was wollen wir dann thun, wenn Italien kommen und sagen wird: Wir wollenunsere Stellung nicht mit Generalen und Hofcommissaren bestimmen, wir wollen siemit euch selbst ordnen. Wollen wir auch sie an die Tagesordnung weisen? Undwenn einst, meine Herren, dasjenige Volk kommt, dessen ein Theil gegen Westen, derandere gegen Osten zeigt, wenn der walachische Volksstamm kommt, bestimmt derWächter der freien Donaumündungen zu sein; wenn die Stunde kommt, wo dasVolk sich erhebt, das zu Warschau eingesargt wurde; wenn diese Völker an unsereThüre klopfen und sagen: Helft uns frei sei»! wie, werden wir sie dann auch zurTagesordnung rufen? Nehmen Sie sich in Acht, meine Herren, es kommen in derGeschichte Momente vor, die nicht zur Tagesordnung gerufen werden können, undwenn einmal die Zeit kommen sollte, wo die Geschichte über uns selbst zur Tages-ordnung überginge, so nehmen Sie wenigstens das Bewußtsein erfüllter Pflichtmit sich."

Schon viele Stunden hatte die Verhandlung gedauert, vergeblich hatten sichdie Blicke auf die Ministerbank gerichtet, um von hier ein Wort der Aufklärung zuerhalten. Endlich erhob sich der Minister des Äußern, Wessenbcrg, und gab mitleiser, zitternder Stimme die Erklärung ab, die Stellung des Ministeriums, Ungarngegenüber, sei stets eine vermittelnde und versöhnende gewesen. Zu wiederholten ma-len habe es seine Vermittelung angetragen und zur gemeinsamen Berathung übergewisse, das Gesammtrcich betreffende Angelegenheiten aufgefodert. Da diese Einla-dungen ohne Erfolg geblieben, so habe es seine Ansichten in einer Staatsschrift nieder-gelegt und dem ungarischen Ministerium (vom letzten August an gerechnet) eine Fristvon 14 Tagen zum Beginn der Unterhandlungen gegeben. Dieser Termin sei erfolglosabgelaufen; die Staatsschrift müsse daher zur richtigen Beurtheilung der Negierungs-politik auf den Tisch des Hauses niedergelegt werden. Bach las von der Tribuneden Inhalt der Staatsschrift ab und gab über die bis zu diesem Zeitpunkte gemach-ten Unterhandlungsversuche noch nähere Auskunft. Im Juli war eine Anfrage derungarischen Regierung nach Wien gelangt, ob das östreichische Ministerium die