Östreich. 259
Pragmatische Sanction, als den Ausgangspunkt der Ordnung,, des internationalenVerhältnisses zwischen Ostreich und Ungarn anerkenne, und ob Östreich bereit sei, imGeiste derselben in den ungarisch-kroatischen Wirren zu handeln. Die erste Fragewurde bejahend, die zweite ausweichend beantwortet: man fühle sich nicht ermächtigt,entscheidend einzuschreiten, erkenne seine Stellung nur als die eines friedlichen, ver-söhnenden Vermittlers. Bach verlangte nicht unmittelbar die Abweisung der Depu-tation, obzwar er ihr den gänzlichen Mangel einer Unterhandlungsbasis absprach,meinte aber, die ungarische Frage müsse den Gegenstand einer umfassenden, princi-piellen Debatte bilden und nicht nur nebenbei zur Sprache kommen. Daß dasMinisterium mit viel geringerer Heftigkeit sich gegen die Deputation aussprach alsdie Rechte und das Centrum, war nicht etwa dadurch begründet, daß es dem Vor-gänge nur eine geringe Bedeutung zuschrieb. Man konnte im Gegentheile die ner-vöse Aufregung der Minister deutlich bemerken. Das Ministerium hatte aber erst kürz-lich eine herbe Erfahrung gemacht. Es hatte in der Permanenzerklärung des Reichstagsvom 13. Sept. ein Mistrauensvotnm gegen sich erblickt, und mußte dennoch die ein-stimmige Annahme derselben sich gefallen lassen und die vorher geführte entschiedeneSprache bedauern. Es wollte sich jetzt, da es zu bleiben willens war, keiner ähnli-chen Beschämung aussetzen, da es wol im Allgemeinen auf eine ankimagyarische Po-litik der Majorität rechnen konnte, aber gleichzeitig auf einzelne inkonsequente Schritte,auf Überrumpelung durch das Anschlagen der Eefühlsseiten bei derselben gefaßt seinmußte.
Nach den Mittheilungen des Ministeriums sank die Kampflust der Linken. NurLöhner erhob sich noch und zog gegen die Pragmatische Sanction, die Grundlage derRegierungspolitik zu Felde. „Wenn man diese alten Verträge für Ungarn gegendie Märzversprechungen geltend macht, was haben dann wir für ein besseres Recht?Sollen die Versprechungen, welche der Kaiser gegeben hat, aufgehoben werden, weilsie alten Pergamenten widersprechen, dann gehen wir nach Hause, dann dürfen auchwir hier nicht mehr sitzen." Die noch übrigen Redner gehörten alle entweder derRechten oder dem Centrum an. Sie brachten keine neuen Argumente vor, wiederhol-ten aber in übersichtlicher Weise das bereits Gesagte (Lasier), oder discutirten dasbeliebte Princip der Gleichberechtigung bis zur Ermüdung (Trojan und Klaudi), odersie fügten in übermüthiger Weise Spott und Hohn zu ihren alten Argumenten, wiez. B. Nieger that. Der Declamation des Letzter»: „ Sollen die Deputirten eingelassenwerden, damit wir die prächtigen Costüme und schönen Bärte der ritterlichen Ma-gyaren bewundern können", folgte auch von andern Bänken als den der Linken einanhaltendes Zischen.
Endlich um die achte Abendstunde, nachdem 30 Redner das Wort geführt, schrittman zur Abstimmung. Helfert hatte den Antrag auf die Aufrechkhaltung der Ge-schäftsordnung, d. h. auf die Abweisung der Deputirten gestellt. Er wurde miteiner Majorität von 78 Stimmen (186 gegen 108) angenommen, ebenso der Las-ser'sche Zusatz: Die Deputation möge ihre Mittheilungen schriftlich durch das Vor-standsbureau vor die Versammlung bringen. Diesen Vorschlag nahm die ungarischeDeputation nicht an, sondern reiste, durch die Ovationen, welche ihr der Demokra-tenverein in Verbindung mit dem Frauenvereine und andern am Abende des 19. Sept.brachte, für das Mislingen des Hauptzweckes wenig getröstet, schleunigst nach Pcsthzurück.
Die Minister und die vertrauter» Freunde des Hofs jubelten über den Aus-gang des Kampfes. Wie ein schwerer Alp hatte auf »ihnen die Furcht einer Ver-bindung zwischen dem wiener und pesther Reichstage gelastet. Die erfolgte Abstim-mung thürmte einen unübersteiglichen Berg zwischen beide und entfernte jeden Ge-danken an ihr Zusammengehen. Auf diese Abstimmung gestützt, verwandelte dieRegierung den verdeckten Kampf von nun an in einen offenen und gewann denMuth zu Gewaltmaßregcln. Aus Stadion's warmen Dankesworten und kramps-
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