Band 
Zehnter Band.
Seite
260
JPEG-Download
 

260 Östreich.

haften Händedrücken, die er Mitgliedern der Rechten spendete, konnte man den Werthermessen, den der Hof aus jene Abstimmung legte. Aber die Rechte selbst, ob-zwar siegreich, empfand keine Freude über ihren Sieg. Schweigsam und gedrückt,weniger physisch abgespannt als moralisch niedergeschlagen, traf man die Mitgliederderselben nach dem Schlüsse der Sitzung in ihren gewöhnlichen Versammlungslokalen.Sie hatten gesiegt, aber nur, indem sie ihr eigenes Princip, die Märzerrungenschaf-ten, bekämpft hatte». Sie fühlten, daß seit dieser Abstimmung die östreichische Re-volution eine neue, unbekannte Bahn einschlage. In der wiener Bevölkerung aber,welche mit Begeisterung an den Magyaren hielt, reifte Von diesem Tage an derGedanke an einen Gewaltstreich gegen die Regierung und die Ungarfeindc. DieOktoberrevolution nimmt ihren Anfang am 19. Sept.

Die Oktoberrevolution.

Dem bewegten Vorgänge am 19. Sept. im Reichstage folgten ruhige Sitzungen,denen die Menge keine Theilnahme widmete. Die Zahl der Sitzungen selbst wurdeeingeschränkt, um dem Verfassungsausschnsse die zur Vollendung seines Werkes noth-wendige Zeit zu gönnen. Die Gegenstände, mit denen sich die Versammlung be-schäftigte, betrafen die Erledigung der bereits zu mehren Tausenden angehäuftenPetitionen und die Berathung des finanziellen Voranschlags für das Jahr 1849.In Finanzsachen bewahrte der Reichstag den strengsten konservativen Charakter.Er hatte am 21. Aug. ohne Schwierigkeiten einen Credit von 20 Millionen be-willigt und auf eine gründliche Debatte, auf die dreimalige Lesung des Antrags,wie es sonst bei Gesetzentwürfen üblich war, verzichtet. Auch die Steuerbcwilligungfand jetzt keine heftigen und zahlreichen Gegner, obzwar es der Finanzministernicht der Mühe werth gehalten oder, wie er sich ausdrückte, nicht die Zeit gefun-den hatte, dem Hause die Übersicht des Staatshaushalts vorzulegen. Bei dieserVerhandlung wurde zum ersten male ein früherer Antrag, die Abstimmungsfragcnauf Verlangen von zehn Mitgliedern in die polnische, rukhenische, böhmische unditalienische Sprache zu übersetzen, praktisch geübt. Auch der Judenhaß, welchersich gelegentlich der Debatte über die Aufhebung der Judensteuer unter den bäuer-lichen Abgeordneten kundgab, verdient hier hervorgehoben zu werden als ein Zeichender in den Provinzen herrschende» Stimmung, während die zunehmende Verbitterungder Linken, ihre stetigen Anspielungen auf die „kroatischen Naubhorden", der täglichsich steigernde Mangel an Disciplin im Reichstage als Zeichen gelten konnten, wiees um die Stimmung in Wien stand. Die Sachlage bezeichnend war namentlichLöhner's Aufruf in der Abendsttzung des 5. Oct. „Glauben Sie", sprach er zurRechten und zum Präsidenten gewendet, „weil Jellachich heute in Wien gespeisthat, so darf man hier nicht mehr reden?" Er spielte damit auf ein allgemein ver-breitetes, aber »»gegründetes Gerücht an, welches den Banus seiner flüchtigen Armeevoraneilen und schon in den ersten Octobertagen am Hofe zu Schönbrunn erscheinenließ. In der That gab es in Östreich und namentlich in Wien nur eine einzigeFrage, welche mit Ausschluß aller andern Interessen die öffentliche Aufmerksamkeitbeschäftigte — die ungarische Frage. Von der bestimmten Weise ihrer Lösung hoff-ten oder. befürchteten alle Parteien Alles. Mit raschen Schritten nahte auf beide»Seiten die Entscheidung. Erzherzog Stephan, der aus den vfsicicllen Instruktionenden geheimen Sinn nicht zu errathen vermochte und von innern Widersprüchen ge-trieben ward, verließ Ungarn und dankte ab. Es folgte die Ernennung des GrafenLamberg zum königlichen Commissar in Ungarn und Befehlshaber aller, auch derkroatischen Truppen, und als Eegenschlag von Seite der Magyaren die gräßliche Er-mordung dieses Commissars auf der pesth-ofener Brücke. Durch diesen Vorfall aufdas äußerste empört und durch Jellachich's falsche Siegesberichtc crmuthigt, that nundie östreichische Regierung in dem berühmten Manifeste vorn 3. Oct. ihren entscheidendenSchritt. Lamberg's Sendung konnte immerhin noch als ein Vermittelungsact gelten:sie trat zwar den magyarischen Interessen entgegen, aber entfernte auch den gesäh»