Band 
Zehnter Band.
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262 Östreich.

nicht stark genug war, um den Abmarsch zu erzwingen, aber stark genug, um Aus-sehen zu erregen und Nationalgarden und die Legion auf die Beine zu bringen. DieEisenbahnbrücke war zur Verhinderung des Abgangs der Truppe abgetragen, derDamm von Studenten und Garden beseht, denen das polnische Regiment Nassaugegenüberstand. Über dem Versuche, die Brücke wiederherzustellen, entspann sichgegen 10 Uhr des Vormittags ein Kampf, in dem die Grenadiere zum Volke über-gingen. Von einer Kugel getroffen stürzte General Breda. Sein Hut, auf einBayonnet gespießt, wurde nebst den erbeuteten Kanonen im Triumphe durch dieStadt geführt, wo der Kampf mit dem Militär und dem conservativen Theile derNacionalgarde bis Nachmittag fortdauerte. Namentlich wurde der Stephansplah inden Mittagsstunden der Schauplatz der traurigsten Scenen. Hier hatten sich dieNationalgarden des conservativen kärntner Viertels aufgestellt, keineswegs in der Ab-sicht, den Aufstand zu unterstützen, aber auch nicht mit dem Vorsätze, durch ener-gisches Einschreiten die Empörer zur Ruhe zu bringen. Sie fanden so keinen an-dern Gegenstand für ihre Thätigkeit, als das Sturmgeläute auf dem Stephansthurmeeinzustellen. Das Misfallen, welches sich darüber in derber Weise unter den um-stehenden Volkshaufen kundgab, erbitterte die Garde und steigerte bei derselben dieFurcht vor einem Überfalle so sehr, daß, als sie einen bewaffneten Trupp durch dieKärntnerstraße heranrücken sah, sie ohne Zögern das Feuer gegen diesen Trupp er-öffnete. Es bestand aber der bewaffnete Trupp nicht aus Proletariern, wie mananfangs glaubte, sondern aus dem wiedener Nationalgardenbataillon. Durch den un-erwarteten Angriff wurde dieses in Flucht getrieben, sammelte sich aber wieder undrückte nun rachedürstig gegen den Stephansplatz vor. Es entspann sich hier einlängeres Gefecht, welches mit der Flucht der kärntncr Garden und mit der brutalenMishandlung der in das Innere des Domes Geflüchteten endigte.

Je länger der Kampf dauerte, desto fanatischer und wüthender, bis zur Unzu-rechnungsfähigkeit berauscht ward die Bevölkerung. Die Truppen, schlecht geführt, inkleine Abtheilungen zersplittert, durch den Abfall der Grenadiere entmuthigt, schlugensich matt und wurden überall zurückgedrängt, und gaben Straße für Straße, zuletzt auchden Hof den Insurgenten preis. Hier, im Kriegsministerium hatte sich der Minister-rath versammelt, die kostbaren Stunden aber zu nichts Besserm als zur Abfassungeiner wirkungslosen Proclamation zu benutzen gewußt. Nach Bach und Latour verlangtedie blutdürstige Menge. Bach (auf welchen namentlich Tausenau fahndete) gelanges, in der Verkleidung eines Artilleristen zu entfliehen; auch Doblhof und Wessen-berg fanden Mittel, Wien zu verlassen. Nur Latour war zurückgeblieben, geschütztdurch die zahlreiche Hauptwache und ein starkes um ihn versammeltes Offiziercorps.Indessen rührte sich doch keine Hand zu seinem Schutze! Die drei DeputierenSmolka, Fischhof und Borrosch — der Letztere durchritt mit einer weißen Fahnedie Straßen — versuchten es, den greisen General zu retten. Sie hatten ihn zurAbdankung vermocht, ihn als Staatsgefangenen, der unter dem Schuhe des Gesetzesstehe, erklärt. Borrosch hatte mit Thränen das Volk beschworen: Seht mein grauesHaupt, eher hängt mich, mordet mich, nur brandmarkt eure Freiheit nicht! Dochauch dies konnte die Katastrophe nicht abwenden. Die Deputirtcn selbst wurdenmißhandelt. Fischhof führte Latour an der Hand, 20 Nationalgarden, durch dasEhrenwort verpflichtet, für sein Leben einzustehen, umgaben ihn. Das Volk hatteam Morgen Blut gesehen und war darüber wahrhaft blutdürstig geworden. Kaumhatte man den Minister erblickt, als man auch auf ihn losstürmte. Den erstenHammerschlag fing Fischhof auf, der zweite traf Latour auf den Vorderkopf so heftig,daß das Blut sogleich über das Gesicht herabströmte. Von einer Pike in den Nacken,von einem Bayonnete in die Schulter getroffen, stürzte er zusammen und starb. SeinLeichnam, grausam verstümmelt und schamlos verhöhnt, wurde auf einen Laternen-pfahl gehenkt, im Angesichts des Ministerialgebäudes, von welchem wenige Wochenzuvor die Trophäen der tapfern Armee, die erbeuteten Fahnen der Crociati lustig ge-