Östreich. 263
flattert hatten. Mit dieser Blutthat schied der gute Genius gänzlich von der Volks-bewegung in Wien.
Der Sieg war errungen, das Ministerium factisch aufgelöst und nun? dasWeitere wußte Niemand. Die Helden des Tages hatten kein Ziel, die intelligenter«Führer der Demokratie aber schämten sich eines Sieges, den ein Mord befleckte undwelcher, statt die Wirren zu lösen, die Entzweiung nur unheilbar machen mußte.Gern hätte man den Schleier der Vergessenheit über das Vorgefallene gezogen undeine Vermittelung mit der Regierung, eine Aussöhnung mit dem Militär wiederangebahnt. Die Wenigen, welchen der Fanatismus noch nicht die Denkkraft geraubt,blickten in dieser Hinsicht auf den Reichstag. Derselbe kam erst gegen die fünfteStunde zusammen. Die Mittagssitzung war nicht zustande gekommen, und auchzur Abendsitzung hatten sich anfänglich nur 120 Mitglieder eingefunden. EinzelneMitglieder der Rechten, wie Rieger, Hawliczek, waren bereits dem Beispiele der Mi-nister gefolgt und aus der Flucht begriffen, Andere hielten die materiellen Hinder-nisse, bis verrammelten Straßen, die besetzten Thore vom Besuche der Sitzung ab.Zahlreicher als die Deputirten unten im Saale hatten sich Bewaffnete auf den Ga-lerien eingefunden. Auf den Ruf eines Abgeordneten nach ihrer Entfernung ent-gegnete Abgeordneter Zimmer: Diese Waffen haben soeben für die Freiheit gekämpft,sie haben ein Recht, hier zu erscheine». Erst Löhner's energischer Beschwörung ge-lang es, dieselben von der Galerie zu entfernen. Noch hatte sich der Tumult überdiese Awischenscene nicht gelegt, da bestieg Sierakowski die Tribune: „Ich kommeeben als Augenzeuge vom Hofe. Der Kriegsminister Latour ist aufgehängt!"Smolka und Fischhof, welche ihm folgten, erzählten die genauern Einzelheiten derGräuelthat. Während diese Reden schnell und unter unbeschreiblicher Aufregungwechselten, verließen der Präsident Strobach und ein Theil der böhmischen Depu-tirten den Sitzungssaal. Der nächste Morgen traf sie bereits auf dem Fluchtwegenach Prag. Im Angesichts der verzweiflungsvollen Lage Wiens verschwanden alleParteiungen und Meinungsdifferenzen. Gvldmark setzte es durch, daß Löhner dieAnklage gegen Strobach zurücknahm, dagegen versicherten Brauner und Trojan, daßsie und ihre Genossen bis auf den letzten Mann bleiben wollten, was sie freilich nichthinderte, schon am nächsten Tage Wien zu verlassen. Von allen Seiten wurden An-träge gestellt, Maßregeln zur Hintanhaltung der Revolution vorgeschlagen und ohneallen Widerspruch gleichsam im Sturme angenommen. Es ward eine Loyalitäts-adresse an den Kaiser gesendet, eine Sicherheitscommission aus dem Schoose desReichstags (K. Mayer, dann Fischhof als Obmann, Schuselka als Berichterstatter)niedergesetzt, eine Proclamation an das Volk erlassen und die Permanenz des Reichs-tags ausgesprochen. Auch zum commandirendcn General Grafen AuerSperg schickteman eine Deputation und erhielt von diesem die Versicherung: er werde die Trup-pen in die Kasernen zurückführen, wenn kein weiterer Angriff auf ihn erfolge unddas kaiserliche Zeughaus unbehelligt bleibe. So weit reichte aber die Autorität
des Reichstags nicht. Der Kampf vor dem Zeughaufe wurde trotz aller entgegen-gesetzten Bitten und Befehle des Reichstags mit Kanonen fortgesetzt und endigte erstam nächsten Morgen mit der Plünderung der Waffenvorräthe und historischenSchätze, welche daselbst aufgespeichert waren. Erfolgreicher schienen die Schritteder an den Kaiser abgesendeten Deputation. Der Kaiser versprach ein neues volks-thümliches Ministerium zu bilden, zu welchem Doblhos und Hornbostel beigezogenwerben sollten. Nachdem noch die permanente Commission über den Stand der Dingeberichtet und die von ihr getroffenen Maßregeln (Verbot an die Eisenbahndirectio-nen, Truppen zu befördern u. s. w.) mitgetheilt, wurde um 6 Uhr Morgens dieReichstagssitzung unterbrochen.
Noch war die Hoffnung nicht gewichen, daß mit den Vorgängen der vorigenTags der Aufruhr sein Ende gefunden haben, daß eine allgemeine Amnestie, ein neuesMinisterium, in welchem die öffentliche Meinung noch Borrosch und Löhner einen