Band 
Zehnter Band.
Seite
315
JPEG-Download
 

315

Das Eisenbahnwesen.

bei andern deutschen Regierungen Schritte zu thu», um übereinstimmende Vorschrif-ten bezüglich der Spurweite herbeizuführen. Diese Schritte waren jedoch ohneErfolg. In einigen Ländern hielt man es überhaupt für zweifelhaft, ob je daselbstEisenbahnen entstehen würden, in andern war man der Ansicht, daß der Staat vor-aussichtlich nicht zum Selbstbau schreiten würde, und trug Bedenken, Vorschriften zuerlassen, welche der Privatindustrie in der Folge hätten lästig werden können."

Eben diese hier berührte Alternative: ob der Staat zum Selbstbau schrei-ten oder die Eisenbahnen der Privatindustrie überlassen solle, war es, welche dieöffentliche Meinung und die Discussion vorzugsweise beschäftigte, nachdem sich ein-mal herausgestellt hatte, daß die Errichtung der Eisenbahnen in dem einen Theilder Länder immer rascher vorschritt und in dem andern immer entschiedener als nütz-lich oder nothwendig erkannt wurde. Jene Frage und der Zwiespalt der Ansichtenüber dieselbe ist bis auf den heutigen Tag um so weniger einer vollständige» Erle-digung zugeführt worden, als auch noch heute Staats-und Privateisenbahnen neben-einander bestehen und nebeneinander neu eingeführt werden. Indessen führte dochdie Discussion zu ernsten und eifrigen Untersuchungen über Wesen und Bedeutungder Eisenbahnen überhaupt und wurde auch ein Antrieb zu manchen Forschungen undVeweissammlungen, die wol sonst unterblieben wären. *) Es bildeten sich unter denStreitenden zwei Gruppen von Gegnern, indem die Einen die Frage zu beantwortensuchten, wer Eisenbahnen bauen und betreiben solle, und die Andern, wer dürfe. DerStreit der Meinungen wurde dadurch so lebhaft, daß sich immer entschiedener heraus-stellte, wie wenig die Klugheit der klügsten Zeitgenossen im Stande sei, die thatsächlichenErfahrungen des wirklichen Lebens im voraus mit einiger Sicherheit festzustellen, zumalwenn man kaum die Anfänge der Wirkungskraft einer gewaltigen ganz neuen Erschei-nung vor sicb hat. Gar bald nämlich zeigte es sich, daß die in Betrieb gesetzten Eisen-bahnen, weit entfernt die Merkmale einer profusen Luxusausgabe zu bewähren, vonden Unternehmern als eine ungewöhnlich rentable Gcldveranlegung sich lcgitimirten.Was aber in den Augen der Einen als ein lockender Lohn ungewöhnlicher Kraftan-strengungen der Privattha'tigkciten erschien, stellte sich in den Augen der Andern alseine Ausbeutung des Publicums dar, zum mindesten als Einnahmequellen, die denmodernen Staate» in ihrer durchschnittlichen finanziellen Bedrängniß kraft Necbtenszugute kommen sollten. Wo und wann man dann entgegengesetzte Erfahrungenüber die Rentabilität der Eisenbahnen machte — und sie blieben keineswegs aus —,da war wol von Pflichten und Rechten nach umgekehrten Richtungen hin die Rede.Es bezeichnete sodann weiterhin einen wesentlichen Fortschritt in dem Gange der öffentlichen Meinung, daß man immer entschiedener die Bedeutsamkeit des indirecten Nutzensder Eisenbahnen erkannte; daß die vermittelten ökonomischen Nutzeffekte in einerGröße und Vielfältigkeit sich herausstellten, der gegenüber der Gesichtspunkt deS di-rectcn Erträgnisses und seines Verhältnisses zu dem Kostenaufwand, wodurch die Un-ternehmungen der Privatspeculation bestimmt werden, seine entscheidende Bedeurungverlor. Schließlich hat man denn auch die Eisenbahnen als eine neue Gattung undStufe unter den Arbeitsleistungen für den Transport erkannt; man hat eben daher dieStärke, Art und Mannichfaltigkcit ihrer ökonomischen Wirkungen hergeleitet, das Ana-loge zwischen diesen Arbeitsleistungen für den Transport und der von der modernenIndustrie überhaupt beschrittenen Stufe vorgeführt; man hat unter Benutzung derBeweise für den innigen Zusammenhang zwischen der ökonomischen und allen übrigenThätigkeitsäußerungen in den staatlichen Gemeinwesen die Eisenbahnen mitten hineinin das volle Leben der zeitgenössischen Völker gepflanzt, um ihre Wirkungen nachallen Seiten hin, auch auf die Gebiete der speciell politischen, der sittlichen und gei-stigen Erscheinungen und Interessen klarzustellen. Indessen darf nicht unerwähntbleiben, daß die Eisenbahnen wegen ihrer Wirkungen nicht nur viele Gegner von An-

Gerade dieser Gegenstand ist von solcher Bedeutung, und an die Hauptfrage schließtach so vieles Andere an, daß wir später noch besonders darauf zurückkommen müssen.