Band 
Zehnter Band.
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Thüringen. 431

von den Ackerbaudörfern und im Walde die Holzhauerdörfer von den Fabrikdörfcrnzu unterscheiden. Einige Fuhrmannsdörfer, deren goldenes Zeitalter mit Eröffnungder Eisenbahnen verschwand- werden vielleicht noch für Generationen ein träges, ge-nußsüchtiges Geschlecht ausweisen, das durch das Leben an den Landstraßen von Ham-burg, Frankfurt, Nürnberg und Königsberg verwöhnt wurde und lieber hinter demGlase und beim Kartenspiel als vor der Kanzel und an irgend einer Arbeit sitzt.Sämmtliche Walddörfer sind güterarm, kinderreich und leichtsinnig: je mehr sie sichder städtischen Beschäftigung nähern, desto mehr theilen sie alle Unsitte des städtischenProletariats. Als Basis ihrer traurigen Existenz sind das stete Beisammenhocken,die sitzende Lebensart, die schlechte Nahrung, das frühe, nicht müde Zubettgehenanzusehen; allein wer ist im Stande, es zu ändern? Glücklicherweise hält ein hei-teres Temperament, staunenswerthe Genügsamkeit und große Freude an ihren Bergenund Thälern die Bewohner von manchen Excessen ab, wenn auch nicht behauptetwerden kann, daß sie der Wilddieberei und dem Forstfrevel besonders abhold seien.Bei dem raschen Wechsel der Temperatur oft irre an den Jahreszeiten, heizen sieim Januar bis. zur Julihitzc ein und würden im Juli sich in Pelze hüllen, wennsie solche besäßen-, aber die Gesundheit ist unverwüstlich. Bei der frischen Luft undbei gratis genossenem Fichtennadelduftbad scheint es der Lebensmuth auch zu sein,und so kann man sehr zerlumpte» Waldbewohnern begegnen, aber sie betteln nicht.„Lieber gebrannten Hunger leiden als betteln", ist ihr stehender Ausdruck, der ihnenEhre macht, wenn es auch zur Verzweiflung ist, daß Ehre weder kleidet noch sättigt.

Die Leidenschaft für Singvögel ist im Gebirge allgemein verbreitet, und fastan jedem Hause hängen drei, vier, an manchem sogar zwölf und fünfzehn Vogel-bauer, worin über 80 Arten deutscher Vögel herumschwirren, klettern, knattern lindmusiciren. An der Schönheit oder Gelehrigkeit des Thierchens freut sich das ganzeHaus. Es ist die erste Sorge am Morgen und das Abendgespräch; auch die äußersteZuflucht in der Geldnoth. Denn muß durchaus ein Thaler herbeigeschafft werden,so hat Amsel, Goldhähnchen oder Staar unter den Thränen der Frauen und Kinderden Weg zur Stadt zu nehmen, wo es Vogclfreunde gibt, die keine gute Acqui-sition ausschlagen. Die große Frage, ob der Naturschlag oder der im Conserva-torium gelernte Gesang der Vögel vorzuziehen sei, bildet den fortwährenden Streitnicht blos einiger Waldästhetiker, sondern ganzer Ortschaften; und Schmicdebcrg undWallendorf im Mciningenschen liegen dieserhalb schon Jahre lang in Fehde. Manfühlt dort vollständig, was die jüngste Versammlung der Ornithologen in Gothagelehrt zur Sprache brachte, daß „der Vogel unter allen Thieren dasjenige sei, wel-ches am klarsten menschlich empfindet und diese Empfindung als höchste Begeisterungdurch Stimme und Gcberden ausdrückt". Ob Gimpel, Zeisig, Lerche, Seiden-schwanz, Drossel, Blau- und Nothkehlchcn ganz einverstanden sind, mag dahingestelltbleiben. Musiciren müssen sie aber, und der Fink ist der Matador, indem der Ken-ner den „wahren Finkenschlag", welcher sich als „guter Weingesang", als „Würz-gebühr", „härzer Doppelschlag" und „urnshäuser Scharf- oder Nädelkier" nuan-cirt, von jedem Gezwitscher und Gepfeif seichter Stümper und jugendlicher An-fänger unterscheidet.

Im Altenburgischcn hat sich die Liebhaberei und der Luxus, des Landes Artentsprechend, auf die Tauben geworfen, sodaß alljährlich zu Schmolln und Alrenburgbesondere Taubenmärkte gehalten werden, zu denen die Besitzer mit Säcken, Körbenund Papagenokastcn von nahe und fern herbeikommen. Als Schönheitsrcgcl giltdabei, daß jedes Paar ganz genau gleich gezeichnet ist: das Ausrupfen einzelnerstörender Federn wird bemerkt und ist gegen die Übereinkunft. Hinter der Taubcn-unschuld lauert jedoch die Schlange des Hazardspiels, dem mancher Thaler geopfertwird. Auch die Blumcnliebhaberei aller thüringischen Ackerdörfer, welche namentlichRosmarin, Lack, Nelken, Marumvirum und Ziegenbart bevorzugt, steigert sich imreichen Osterlande zum städtischen Luxus, und den Garten des Schcnkwirths zuRoliga sahen wir mit so viel seltenen Zierpflanzen, mit solchem Reichthum und Ge-