278 Norwegen.
Frauen oder Mädchen verfahren so, indem sie „datier" (Tochter) an des VatersNamen fugen; z. B. Hansdatter (Hansens Tochter), Haraldsdatter (Harald's Toch-ter). Nur wenn ein Glied des Geschlechts sich zu einer bedeutendcrn Höhe in derGesellschaft erhoben hat, pflegt es einen Familiennamen anzunehmen. Man bedientsich dazu entweder seines schon bestehenden Patronymicum, das alsdann in der Descen-denz festgehalten wird (so z. B., daß ein Hans, Sohn von Harald, sich jetzt nur„Herr Haraldson" nennt, und seine Töchter nicht etwa wie sonst „Martha" oder„Maria Hanstochter", sondern „Jungfrau Haraldson" titulirt werden), oder, wasimmer besser klingt, man nimmt den Namen seines Grundstücks an, wie z. B. „HerrVergheim", „Herr Sandstad", „Jungfrau Nud" u. dergl. In dem letzten Jahr-hundert hat sich der abgeschmackte Gebrauch cingeschlichen und festgesetzt, daß manAlle, die auf irgendeine Weise der Hähern Classe, d. h. der mit Geschlechtsnamenbezeichneten, zugerechnet werden, „conditionirt" nennt, die zur Masse des Volks ge-hörigen aber „gering" oder „nichtconditionirt". Der Unterschied ist ganz und garkonventionell, er wird jedoch von socialer Bedeutung, ja hatte sogar bis zum Jahre1854 in gewisser Beziehung einige praktisch-legale Wirkung-, die zu den übrigennorwegischen Verhältnissen nicht stimmte. Die bestehenden, auf vollkommene Gleich-heit basirten Einrichtungen, die Tendenz, dieses Princip der Gleichheit immer mehrund mehr durchzuführen, wie der natürliche Jnstinct des Volks selbst, tragen indessenimmer mehr dazu bei, solche Unterschiede allmälig auszugleichen.
IV. Religiöses und wissenschaftliches Leben.
DaS religiöse Leben Norwegens und die religiösen Bewegungen im Lande, wiesie sich gegenwärtig kundgeben, haben ohne Zweifel ihre Bedenklichkeiten. Es istzwar gewiß erfreulich, daß der Jndifferentismus der Reflexion und dem ernsten Be-dürfniß höherer, geistiger Erregung weicht, aber, wie anderswo, machen sich beidieser religiösen Erweckung auch in Norwegen Übertreibungen geltend, die, statt zurreligiösen Bildung, zum Fanatismus und zu geistiger Befangenheit führen. Dernorwegische Volkscharakter dürste seiner innersten Natur nach religiösen Grübeleienziemlich abhold sein. I» den altern, heidnischen Zeiten fanden sich Viele, die nuran ihre eigene Kraft glaubten, und der Widerstand gegen das Christenthum entsprangmehr der Besorgnis;, diese neue Religion wäre zu weichlich, als irgendeiner großenAnhänglichkeit am alten Glauben. Die Einführung des Christenthums war nichtein Werk der Politik und der Gewalt als die Befriedigung eines mächtigen Drawges im Volke. Die Einführung der Reformation, fünf Jahrhunderte später, w^ebenfalls ein Werk der Staatsklugheit und der dynastischen Gewalt, ehe die Lehr"Luther's, auch dem bloßen Namen nach, der Mehrheit des norwegischen Volks be'kannt geworden. Daher war sie lange auch nicht populär, und es dauerte gerau»^Zeit, ehe die Nation sich allmälig auf den Standpunkt hinaufarbeitete, sie gehörtwürdigen zu könmpi, und ehe sich die Lehre selbst in die Herzen des Volks hineinlebte. Während dieser Zeit herrschte eine wahre Barbarei des Jndifferentismus, beste"Folgen selbst noch bis in das letzte Jahrhundert reichten, und gegen welchen der d"'mals unter den Theologen obwaltende Nationalismus eben kein gutes Gegengiftgab. Die eigentliche Erweckung des religiösen Lebens in Norwegen geschah in de>'letzten Jahren deS vorigen Jahrhunderts durch den Bauer Hans Hange, der ""dem südöstliche,, Theile des Landes hervor, durch die Predigten eines frommenrers ergriffen und durch eigene Contemplationen weitergeführt, Norwegen zu durch'wandern begann, „m durch Predigen und sonstige Belehrung seine Landsleute i"tiefern, strengern Religiosität und zu stillerm Leben zu bekehren. Sein Ziel war ch ceine eigene Sekte zu gründen, oder sich von der Staatskirche auszuscheiden: er wonur im Allgemeinen mehr Frömmigkeit, mehr Glauben und weniger Nationalis"'haben. Der Widerstand, der ihm von Seiten der Geistlichkeit begegnete, -"malVerfolgungen, denen er ausgesetzt war, erbitterten jedoch ihn und seine zahlreichAnhänger, gaben dem Treiben mehr den Charakter satirischen Wesens, und brach"