Östreich. 307
Staats angesehen wurde. Dagegen wendete sich nun, mehr in der Absicht die Re-gierung zu reizen, als um einen praktischen Erfolg zu erzielen, die Oppositionslust derSlawen. „Als das wichtigste Hinderniß", schrieb die „Agramer südslawische Zeitung"(Mä?z 1850), „die slawischen Idiome in die officielle Welt einzuführen, betrachtetman ihre Mannichfaltigkeit, den beschränkten Umfang der Herrschaft jedes Einzelnen.Wohlan, beseitigen wir dies Hinderniß, wählen wir eine allen Slawen gemeinsameGeschäftssprache, die von den Bewohnern Böhmens und Mährens ebenso gut ge.sprechen und geschrieben werden kann wie von den südslawischen Stämmen. Diesepanslawistische Geschäflssprache kann aber nur die Sprache jenes Slawenvolks sein,welches bereits eine politische Bedeutung besitzt, im staatlichen Verkehre Europas alsebenbürtig anerkannt wird — die russische Sprache." Um diesem Plane einen größer«Nachdruck zu verleihen, wurde einige Monate später ein literarischer Congreß allerSlawen zum Behufe der Einigung über die Schriftsprache vorgeschlagen und sehrbezeichnend für die Natur des Plans zum Congrcßorte Warschau, oder im FalleKaiser Nikolaus die Genehmigung versagte, Belgrad gewählt. Ohne erst zwischenden Zeilen zu lesen, erkannte man in dem Plane die Drohung, sich Rußland in dieArme zu werfen, wenn die östreichische Regierung sich den slawischen Federungengegenüber nicht gefügter erwiese, wobei freilich der Haß des Kaisers Nikolaus gegenalle panslawistischcn Tendenzen außer Acht gelassen wurde. Von diesem Hasse hat-ten aber die deutschen Ncgicrungsorganc in Ostreich keine Kenntniß, sie hielten die-sen in Wahrheit nur abenteuerlichen Gedanken für die Frucht russischer Einflüsterun-gen, wähnten, unkundig des bei aller philologischen Verwandtschaft streng abgeschlos-senen Charakters der einzelnen slawischen Mundarten, die Ausführung nahe bevor-stehend und bliesen mit Macht in die Schreckenstrompete. Schrecken einzujagen, diehalb erloschene Furcht vor der slawischen Kraft wiederaufzufrischen, war aber daseinzige Ziel der Anreger jenes Plans. Er wurde fallen gelassen, nachdem das Zielerreicht war.
Man sieht, die octroyirtc Verfassung that eS Niemandem zur Freude, Allen zumLeide. Was sie an guten Eigenschaften in sich barg, konnte nicht erkannt werden,da ihre wichtigsten Bestimmungen noch der Verwirklichung harrten; dagegen wurdenihre Mangel schonungslos aufgedeckt, die Unmöglichkeit ihrer Durchführung von denverschiedenartigsten Standpunkten, aber mit dem gleichen Resultate bewiesen. DieFeinde alles Verfassungslebens legten ruhig ihre Hände in den Schoos, und siefanden in den Liberalen, welche die Märzverfassung als eine Fehlgeburt darstelltenund somit das Vertrauen auf die Wirksamkeit des künftigen Reichstags erschütter-ten, unerwartete aber desto willkommenere Bundesgenossen. Erst später, zu spät, alsdas von den Führern der Opposition unklug geschürte Mißtrauen gegen die Mög-lichkeit dieser Constitution auch in den Negicrungskreisen um sich griff, wo es sichNatürlich in die Scheu vor jeder Verfassung verwandelte; als bereits die Gerüchtevon der Aufhebung der Charte emporstiegen, nahm die Politik der Liberalen eine an-dere Wendung an. Es galt dann der Grundsatz: Man müsse sich aus den Bodender Thatsachen stellen, und da einmal die octroyirtc Verfassung unwiderruflich gege-bn sei, diese ohne Bedingungen annehmen und versuchen, von dieser Basis ausdie Vcrfassungszustände weiterzucntwickeln. Gleichsam als wäre die octroyirte Vcr-wssung ein bloßes, der freien Debatte überlassenes Project, als gälte es erst, Material
eine künftige Constitution zu sammeln, wurden in zahlreichen Broschüren diefragen der Centralisation und Decentralisation (die reinen Föderalisten, durch dasSchicksal des Palacky'schen Programms belehrt, verließen frühzeitig den Schauplatzdes Kampfes) erörtert und mannichfaltige Versassungsplane der octroyirtcn Charte''"grgengestellt. So besaß die letztere beinahe keinen andern Freund als daS Mim»sterium, welches gerade in dem Augenblicke, wo der Parteikampf in öffentlichen Blat-*rn und Flugschriften am heftigsten tobte, einen kräftigen Schritt zur Verwirklichungrs Verfaffungslebens that.
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