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Die Literatur Frankreichs.
seiner Landsleute geblieben. Was Berangcr betrifft, so ging er den breiten Fahrweg,welchen die Republik und Kaiscrzcit in den verwachsenen und vcrhäkeltcn Zuständender alten Ordnung der Dinge durchgehauen hatten. Er wurde der nationcllste Dich-ter, den Frankreich je besessen, der unsterbliche Sänger der Volksclassen, welche
die Revolution von 1780 aus dem untersten Raum des Schiffes, das Andere fürsie lenkten, plötzlich aufs Verdeck und ans Ruder gebracht hatte; er machte ihrganzes Denken und Fühlen, Fürchten und Hoffen, Hassen und Lieben, ihre ganzeReligion, Moral und Politik zum Inhalt seiner Chansons, die tief ins Herz derNation eindrangen, und geleitete sie- siegreich bis zur Revolution von 1850, diedas momentan entrissene Steuer wieder in ihre Hände lieferte.
Ein tiefes Staunen bemächtigt sich des Gemüths, wenn man beim Schluß
der Nestaurationspcriode in die Jahre des Ministeriums Polignac zurückblickt und
die große Bewegung betrachtet, die sich auf allen Gebieten der menschlichen Thä-tigkeit bemerkbar macht. Es ist der hitzigste Augenblick des Streites zwischenzwei Principien, wovon das eine mit ungestümer Hast vorwärtsdrängt, das an-dere mit unverdrossener Mühe sich zu halte» sucht. Alle Kräfte sind in Arbeit,alle Lebensgeister in Wallung. An der gewaltigen Reizbarkeit der Gemüther, a»der unerschöpflichen Fülle regsamer Ideen und Entwürfe, an dem raschen Wcch-scl immer neuer Erscheinungen, an den rastlosen Bestrebungen zu rcformircn undzu restauriern, an der »nermüdeten Thätigkeit, alte Systeme zu zerstören und neuezu bauen; an dem bis zur Spitze getriebene» Kampfe der Parteien, a» der unend-lichen Fruchtbarkeit der Presse, an dem absonderlichen Wetteifer der Gelehrten,
Staatsmänner und Künstler, das Morgenroth eines neuen Tags heraufzubeschwören,und an hundert andern Symptomen erkennt man den Vorabend einer Weltbegcbcn-heit, die Wehen einer hochschwanger» Zeit. Die Literatur war lange nicht so ge-waltig aufgerüttelt worden; ein neuer, warmer, kräftiger Lcbcnshauch wehte durchdie Hähern Regionen der Wissenschaft; der Eklekticismus machte sich neben dem Sen-sualismus und Ultramontanisimis geltend, und alle drei wetteiferten, aus der Ascheverkohlter Systeme Funken anzufachen und Geistesleben wieder zu entzünden. Dieneuere literarische Kritik und philosophische Forschung traten auf den Kampfplatz undgelangten zur Herrschaft, und die verschiedenen Cultur- und Literaturformcn wurde»bis auf den Grund untersucht, ausgcgraben, ihre dunkelsten Geheimnisse den ver-wunderten Zuhörern aufgeschlossen. Danke, Shakspearc, Goethe, Schiller, von derhohen Komödie eines freien Volks bis zum Policinell und Kasperle, dem Abgo»unmündiger Nationen, wurde Alles nach vollem Werthe geschätzt und einefalscher Begriffe in der umlaufenden Gedankenmasse berichtigt. Der Andrangden historischen, philosophischen und literarischcn Vortragen Guizot's, Cousin's »"Villemain's war ebenso erstaunlich als der Anklang, den die Werke der gefrier^Lehrer bei einer enthusiastischen Jugend fanden, die sich aus allen Gegenden A^»reichs in der alten Sorbonne zu Paris versammelte. Eine neue liter»r>liSchule predigte ein neues Symbol und feierte neue Götter im Gegensatze Z»alten, die für poetische Ölgötzen erklärt wurden; man wollte neue sprachlichemetrische Gesetze eingeführt wissen, erlaubte sich neue Worte und Satzbildungei ^dcrte den Versbau, und brachte frischen Schwung in die Ode, neues Leben „,,dRoman und neue Regeln in die Dramatik. Eine so tiefgreifende Richtigerer,Absicht ließ sich nicht ohne Einspruch durchsetzen und veranlaßte von Seite» perdie sich in ihrer Stellung oder ihrem Rufe bedroht fühlten, einen Widerst»" ^ Aiein dem jedem Kampfe mit Lust zusehenden Frankreich den Triumph erhöht- D^orromantische Lyrik gewann nach und nach alle Herzen. Btlranger's Lieder undHugo's Oden, >m ernsten Sinne und Geiste der Zeit gedacht und empfu»^»'ren in der lyrischen Poesie der Franzosen als eine neue, erquickende E^A"r,naier6'vorgetreten, und verhielten sich zu Delillc's spielenden Lehrdichtereicn und Deltändelnden Chansons etwa wie Bürger's und Goethe'S Balladen zu Klopft«Eellcrt's steifen Oden.