Die Literatur Frankreichs. 563
Uö Beleg zu Dem, was sie vor Zeiten hoffen ließen, hatte sich eine neue Li-teratur gebildet, die viel Erfindungsgabe und dichterisches Feuer an den Tag legte,aber in ihrem reißenden Strome Kies und Koth haufenweise mit sich führte, ihreverdächtigen Erzeugnisse auf allen literarischen Wege» absetzte, mechanische Kunst-begriffe aufbrachte, und mit ihrem ungeheuern Erfolg die Sprache, die Moral, dieBildung, den gesunden Verstand und guten Geschmack beschämte und verwirrte. Inwunderlichem Gegensatz, den man zu voreilig für ein Anzeichen naher Bekehrunghielt, hatte sich zu gleicher Zeit plötzlich eine junge tragische Schauspielerin hervor-gethan und durch ihr außerordentliches Darstcllungstalent die alten classischen Tragö-dien, die seit Talma's Tode fast gar nicht oder nur vor leeren Bänken gegeben wurden,wieder belebt und beliebt gemacht. Von 1833, wo Mademoiselle Nachel zuerst imIlwätro krantz.ais auftrat, bis 1843, wo die Tragödie „Imorsce" im OÜ 80 II ge-spielt wurde, feierte die berühmte Künstlerin eine Reihe von glänzenden Triumphenund fand die zuvorkommendste Aufnahme, sogar die der vornehmen Welt, die sieals eine ihr angehörige Standesperson behandelte und zu Ehren der großen Dichter,die sie wieder ins Leben rief, gern übersah, daß sie Schauspielerin war: da dieChampmeslc (die berühmte Schauspielerin des 17. Jahrhunderts) wiedergekommen, soweinte man, Racine müsse auch wiederkommen. Die Beschämung oder TäuschungDerer, die an die Versprechungen des Nomanticismus geglaubt, der Ekel oder Unwille^iier, die über das heillose Glück der groben Zeitvertreibliteratur aufgebracht waren,we geheime Schadenfreude bei Solchen, die jeden Sieg der jungen Dichterschule fürein Ärgerniß angesehen hatten, die von Mademoiselle Nachel plötzlich wiedergcweckteVorliebe für die classische Tradition, der rachdürstige Groll der Besiegten, die »»lustigeVerdrossenheit der Sieger — alles Das fand sich von der neuen Tragödie „lluorees"^"gesprochen. Hierzu nehme »ran »och den Neactivns- und Widerspruchsgeist, dereinem Lande eigen ist, welches der Ärger über jede seiner Dummheiten mit aller Ge-walt ins entgegengesetzte Extrem hineintreibt, den Jubel der ausgedienten Gelehrten,her gesetzten Litcraturveteranen, der Staatsmänner, die zugleich in der Akademie und>n der Pairs- und Deputirtenkammer saßen und hier jedes Jahr bei den Verhand-lungen über d^s Budget der schönen Künste und Wissenschaften für die „gesundendramattschen Doctrinen" das Wort nahmen, und man mag wol begreifen, wie derBeifall der Tragödie „lmcrsos" das Ansehe» einer hochwichtigen Begebenheit ge-wann, und wie ein Werk, das an sich so wenig geeignet ist, eine enthusiastische
Stimmung hervorzurufen, die Gemüther dermaßen erhitzte, daß es für das Symbolswer literarischen Wiedergeburt ausgegeben wurde. Jetzt, wenn man „Imortzeo"wieder durchlicst, hat man Mühe, sich diesen gewaltigen Lärm zu erklären. Aber"w ga„z billig zu sein, denke man sich, daß ein Mann von Geschmack und Bil-""g am Morgen in den „Llysttzros <Is p-iris" gelesen, den Abend vorher im"sichre kraux-iis die drückend langweilige Vorstellung der „vurgravss" ausgehaltenund nun beim Heraustreten aus dieser Jauche und Finsterniß, unter einer rö-wschen Tempelhalle, einen jungen Dichter antrifft, der mir Titus Livius und Andre
^he„ier Arm in Arm herumspaziert. Wer nur noch einigen Sinn für Literatur und
^"hetik besitzt, wird nicht in Zweifel sei», wohin er sich wenden soll. Es wider-auch unter solchen Umständen der neuen Erscheinung Niemand, und „I.u-wurde als ein Meisterstück angenommen. Wenn aber auch kein Meister-dab ' ^ diese Tragödie doch ein höchst achtbares Werk. Der Verfasser dachte- " offenbar an das Verschrobene, Hochtönende und Hohlklingende, welches dielch.^sihen Dramen an sich tragen, und suchte wieder auf das Wahre, EinfacheSän ^<""Aiche zurückzukommen. Er hielt sich getreu an die Wahrheit der Vor-V> und Charaktere, wie sie Titus Livius und die Geschichte ihn« andeuteten,öert/^ stm Sextus, der feine und üppige Patricier, um einige Jahrhun-seiner Zeit voraus, und paßt mehr in den Ausgang der Republik oder inAnfang des Kaiserreichs; aber die vier Personen» woraus die ganze Tragödie
36 *