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Eilfter Band.
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577
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Die Literatur Frankreichs. 577

Vorzüge des Geschichtschreibers. Seine Gelehrsamkeit ist zugleich umfassend und er-gründend; sie verschmäht das Material aus zweiter Hand und begnügt sich nie mitbloßer Wiederholung oder frischer Verarbeitung des schon Gesagten und Überliefer-ten, sondern schöpft das Wissen aus den lebendigen Quellen der Urkunden. Er hatdie Gabe des Scharfsinns. Auch versteht er meisterlich neue Thatsache» anS Lichtzu bringen, überschene Einzelheiten hervorzuheben und falsche oder schiefe Urtheile zuberichtigen. Überall stößt man in seinen Schriften auf sinnreiche Aussprüche, un-vermuthete Gedanken, bcachteuswerthe Gesichtspunkte, anregende Bemerkungen. DieAufmerksamkeit des Lesers wird so durch unerwartete Fünde und pikante Aufschlüssegespannt und gereizt. Dabei weiß Michelet den gefundenen Stoff mit kunstreicherHand so zu ordnen und mit belebendem Hauch so zu beseelen, daß die Todten auf-erstehen und in lichter Farbe und bestimmter Gestalt aus den Schatten der vergan-genen Zeiten hervortreten. Er erzählt, wenn er will, mit wunderbarer Virtuositätund außerordentlichem Zauber. Mehre seiner Erzählungen können für vollkommeneMuster gelten. Ich erwähne namentlich die Episode der Jungfrau von Orle'ansund die Schilderung des Processes und Todes der Tempelherren, Meisterstücke histo-rischer Darstellung und Gelehrsamkeit, die uns das Bild der Vergangenheit so kräs-tsg und lebendig zeigen als die Dramen großer Dichter. Michelet hat mit und vor^sleu Andern das Verdienst, daß er die Geschichte aus den engen Schranken derschule in den weiter» Kreis aller Derer eingeführt, welche, weil sie menschlich thcil-Urhuien an den menschlichen Dingen, das erneuerte Leben untergegangener Geschlech-te schauen und ihre Zeit aus der Vorzeit begreifen wollen. Wie lebhaft aber auchöus Interesse ist, das sich an Michelet's Schriften knüpft, so kann man doch nichtwol die Augen zudrücken bei den erheblichen Mängeln, die sie verunzieren. Miche-"'s eifrigste Bewunderer dürfen diese Mangel nicht in Abrede stellen, und es istnicht schwer, die Ursache davon ausfindig zu machen. Einbildungs- und Ur-h-'ilskraft halten sich bei ihm nicht immer in gehöriger Schwebe. Die Phantasie,u s wahre Närrin und Herrin im Hause, verleitet ihn zu oft auf gefährliche Wege,und laßt ihn wenn er sich durch die Hindernisse hindurchulwinden sucht, bisweileneinen Stern erster Größe ansehen. Mehr Dichter als Geschicht-lchreiver setzt er mitunter seine Einbildung an die Stelle der Dinge. Das geschiehtnicht etwa, weil es ihm an der nöthigen Kritik und Sachkenntniß gebricht, sondernkeil sich ihm in seiner Phantasie die Facta so verkehren und die Dinge so gestalten,er sie für seine geschichtkphilosophischen Ansichten und politischen Meinungenhaucht. Besonders treibt ihn seine poetische Natur zu gewagten Conjecturc» undHypothesen, wenn er sich mit historischen Zeiträumen beschäftigt, über welche die>»ellen so wenig positive Auskunft geben, daß für Vermuthungen und Voraus-Übungen ei,, weites Feld bleibt. Wir dürfen uns daher nicht wundern, in Miche-Werken soviel Schwankendes, Ungleiches und Widersprechendes anzutreffen.^ °ben einer herrlichen Seite von tadelloser Zeichnung und harmonischem Colorit fin-wir eine andere von fehlerhaftem Umriß und grellem Ton; neben einer ge-cssenen Ansicht eine paradoxe Behauptung; »eben einem leuchtenden Gedankenblitz^ E" schimmernden Witzfunken; neben einer Beurtheilung von schlagender Wahrheit^ Augenscheinliche und handgreifliche Irrthümer und Fehlschlüsse, daß man sie sicherklären kann. Wenn auch seine Bücher bei ihrem anziehenden Stil und an-j ^n Gedankenfluß nie Langeweile erzeugen, so erwecken sie doch in der SeeleIn aufmerksamen und tiefer eingehenden Lesers eine Art von peinlicher Ungeduld,sti ^ gedauert, wenn man sieht, wie ein so wunderbar ausgestatteter Schriftsteller.^'wmclsgaben und Gcistcsschätze gleichsam mit Behagen verschleudert- In Mi-rstg! ^ "st", Werken ist übrigens daS Vorzügliche so überwiegend, daß die eben ge-Auz>>" lästige! kaum bemerkbar sind. Seine damalige Manier (wir dürfe» diesenler wol gebrauchen, da Michelet in mehr als einer Beziehung für einen Ma-««gesehen werde» kann) ist die beste, weil sie die nüchternste, strengste und sorg-* Hcse»»art. xi. 37