Die Literatur Frankreichs. 589
desverhältnissc, die Grundbedingungen der neuern Culturzustände und die ununter-brochenen Eingriffe des Nothwendigen in das angeblich Überflüssige sehr zusammen-geschmolzen ist. Bei dieser kleinen Anzahl litcrarisch gebildeter Weltleute, die nachso herben Erfahrungen für zartere und höhere Dinge noch Sinn haben, stößt jederneue poetische Versuch auf eigenthümliche Vorurtheile, Schwierigkeiten oder Verbit-terungen. Von vier oder fünf Revolutionen unsanft berührt, von der vorherrschendpolitischen, mercantilischen und staatswirthschaftlichen Richtung der Zeit zu ernstenoder trüben Ideen hingedrängt und von den lehrreichsten Erlebnissen zu einer vorherUnbekannten Gcistesstärke herangebildet, können sie zu den Leckerbissen der PhantasieUnd den Jugendlichkeiten der lyrischen Muse keine so eifrige, harmlose und wohlwollendeStimmung mitbringen als die glücklichen Gäste der literarischen Cirkel des vorigen Jahr-hunderts bei Madame Gcoffrin und Madame Dudeffant. Da lyrische Gedichte durch-gängig „ichts Anderes sind als mehr oder minder gelungene Variationen über das uner-schöpfliche Thema der ersten Liebe, des ersten Schwurs, des Koscns unter Hain-buchen, der Maiblumcnlese und Vcrgißmcinnichtsthuerei, des Frühlingsscheins aufWiesen und im Herzen, des ersten Lerchenschwirrens und Gedankcnsummens, soU'üssen solche Lcbcnsmomente in eigenthümlich schöner Weise ergriffen und in beson-ders schönen Versen ausgedrückt werden, wenn die jetzige Generation sich dafür in-teressir-n soll; denn sie ist in dieser Beziehung sehr verwöhnt und macht hohe An-lpruche, weil sie in ihre» jungen Jahren mit Dichtern vertraut geworden, die nochUnübertroffen und unerreicht dastehen: Beranger, Lamartine, Victor Hugo, Alfredde Vigny und Alfred de Muffet sind für sie bedenkliche Anhalte- und Verglci-chungspunkte, die den neuen Poeten Abbruch thun. Das ist noch nicht Alles! Alsfernerhin bei dieser poetischen Verhexung nichts fehlen sollte, so hat sich zuge-tragen, daß jene poetischen Wunderkinder, nachdem sie in die Jahre der prosaischenStimmung gekommen und aus der Gefühls- und Phantasiewelt ins Staats- und^eschäftsleben getreten sind, eigenhändig den Zauber gebrochen, wovon ihre Nach-ger hätten Vortheil ziehen können, und unklugerweisc Anlaß gegeben zu vielerlei,age» nicht blos über sich, sonder» auch über die Poesie, die, in ihren Schriften^uz>, verführerisch, mit ihren Personen so viel Unheil angerichtet und durch den chi-märische Anstrich ihrer politischen Wirksamkeit sich mit ihnen in Verruf gebrachtAlso weder die Menge noch die bessere Gesellschaft kann heutzutage ein Au-'kvriuni hergeben für junge Lyriker, die um ein Amt bitten, aber keine bekommen,^schon die großen Dichterstellen in Frankreich von ihren Inhabern aufgegeben undlängerer Zeit unbesetzt sind. Beranger schweigt seit 22 Jahren. Nachdem er mit"akrevntischer Grazie und Weltansicht unsterbliche Lieder gedichtet, verlebt er ins»; " Zurückgezogenheit ein Anakreonsalter und schreibt, so heißt es, Memoiren, dieZeitgenossen in Prosa besingen sollen. Victor Hugo wandelt in Jersey am... bcresstrande mit den Schmerzen und Träumen der Verbannung und murmelt Gr-elle, bitterer und salziger als die See, deren Getöse sie nicht nach Frankreich hjn-hj^mgen Lamartine hat sich nach seinem Phaelhonsturze in der Politik
Und Literatur hingewandt, aber nicht mehr in der Göttersprache seine Gefühle^ Gedanken lautwerden lassen. Aus seiner Feder ist seitdem in schwellendemei eine lange Reihe von Prosawcrken aller Art geflossen: er schrieb rasch näch-st "öer und wie in Einem Zuge eine Werthcriade, Dichtung und Wahrheit ausLeben, Staats- und Dorfgeschichten, nebst Zeitungsartikeln, und entwickelte
Allgegenwart, womit er unbarmherziges Ahnde» und""en «2 x" abzuwehren suchte; neuerdings hat er mit eilender Hand die An-schich., D . -I,' Morgenlandes durchblättert und aus dem Stegreif die Ge-gewie-^^ .Rußlands und der Türkei geschrieben, worüber die arme Cliob- ''A wemg verwundert. Alfred de Vigny ist ganz verstummt, und Alfred
Ewn. v!,, "bl ebenfalls nicht mehr mit Versen. Als Lamartine und Victor
herabfliege», um auf neue Eroberungen im politi-e auszugehen, war Alfred de Muffet zum poetischen Rekchsverweser gewählt