Die Literatur Frankreichs. 595
Christ mit der Bescherung sie füllen möge. Aber dieser Heilige Christ freilich ist kargund ungnädig, weil sie nicht zu beten wissen, und sonst kein Herz zu ihm, keinenGlauben an etwas haben. Von Scrupeln, Tendenzen u. s. w. ist in ihren Gedichtenkeine Spur: Laune, Liebe, Humor und Rumor in freiestcr und beliebigster Aus-lassung sind die allerhöchsten Grundsätze ihrer Ästhetik.
Äus ihrer Mitte hat sich jedoch in neuester Zeit eine Dichtcrgruppe erhoben,die leuno plialnngo, wie sie sich selbst nennt, die in formeller Hinsicht noch an derPhantasistenschulc festhält, dabei aber das Streben hervorkehrt, mit reichem Geprägeeinen bedeutsamern Gehalt zu verbinden. Die neue „ Itsvuo do 1>i,ri5 " ist gewisser-maßen als Organ der „Jungen Phalanx" zu betrachten, und Maxime Ducamp,Stifter und Hauptmitarbeiter dieser Zeitschrift, hat in der Vorrede seiner kürzlich er-schienenen „Llwnts moclsrncw" ein geharnischtes Manifest erlassen, welches dieEhetischen Principien der neuen Richtung ausspricht und ihre poeticw aufstellt.Dieses Manifest ist ein Gegenstück oder vielmehr ein Nachbild von der berühmtenVorrede Victor Hugo's zum „ Orcnnvvoll" ( 1827), in gleichem Ton und Geist gehalten, aber nicht so genial und schwungvoll durchgeführt als das Urbild. Es eifertgewaltig gegen die „altväterische Wirthschaft" (Osrontuorstio), womit hauptsächlich^.^adcmikcr gemeint sind, und läßt von diesen nur Victor Hugo, Lamartine undsre de Vig„y gelten, denen weiter nichts vorgehalten wird als die unverzeihlicheSchwachheit ihres Eintritts in die Akademie. Maxime Ducamp ist der Meinung,daß der goldene Zweig sich von keinem Nachtreker brechen laßt, und die poetischeZukunft deni kecken Bahnbrecher angehört. Er verwirft instinct- und raisonnements-s^äßig „die Literatur, die, anstatt das neue Zeitgewand anzulegen und die weißen»eierkleider der Leviten anzuthun, sich in abgetragene Mantel und zerrissene WammseEunnummt". „Wenn die Wissenschaft Wunder ausrichtet", setzt Maxime DucampE'i", „bleiben wir stumpf, gefühllos, jämmerlich, klimpern auf den verstimmtenSaiten unserer Leiern, schließen die Augen um nicht zu sehen, oder blicken eigen-E'"g „ach einer Vergangenheit, wovon wir nichts zu bedauern haben. Man ent-eckt die Dampfkraft, wir besingen Venus, die Tochter der bitter» Welle; man^skdcckt die Elektricität, wir besingen Bacchus, den Freund der blutrothen Trauben.
etwas ist albern." Diese Zeilen enthalten in nuoo Maxime Ducamp's ganzes??ktischxs System und Glaubensbekcnntniß. Er meint, der heutige Dichter sei mitleiner Begeisterung auf die Wunderwerke der Industrie und Wissenschaft angewiesen,"d der Ruhm spare sein Lächeln für den Pindar, der die Sieger in den öffenc-'chen Spielen und Wettkämpfen der Künste und Gewerbe besinge. Nur einen ganzkine» Umstand hat er wol nicht so recht bedacht: nämlich, daß die Erfindung einer. 'aschine oder die Entdeckung einer Naturkraft zu der ganzen umlaufenden Gedan-^>nasse nichts hinzubringt und in keinem Fall der Ausgangspmike einer neue» Kunst-werden kann. Der Gebrauch des Schießpulvcrs, die Auffindung des Seeweges^ch Ostindien, die Entdeckung von Amerika, die Einführung des Postwesens, diekfindung der Buchdruckerkunst, das Studium der Alten, die allgemeinere Anwcn-des Römischen Rechts haben am Schluß des 15. Jahrhunderts den Krieg,u " Handel, den Verkehr, das ganze gesellschaftliche und geistige Leben der dama-Zeit ebenso gewendet und gewandelt, als die Steigerung des Fabrikwesens, die,1 ^dung der Dampfmaschinen, die Anlage der Eisenbahnen, der Gebrauch der^Esschen Telegraphie, das zunehmende Hazardspiel mit öffentlichen Fonds, dieber allgemeinen Industrieausstellungen, die Verbreitung der Presse, die Entwicke-^ 3 der Gewcrbspolitik, das praktische Studium der Naturwissenschaften, die ange-ndte Staatswirthschastslehre u. s. w. alle Lebens- und Culturformen der Gegrn-^alltäglich „„»gestalt,, umändern; aber die Werke der Alten und ihre hei-Weltansicht sind nichtsdestoweniger der Leitstern der Poesie bisher gebliebenein, es auch künftig bleiben. Dampf und Elektricität können den Stoff zu
* Ode oder einem Lehrgedicht abgeben; das ist Alles! Der Anblick einer Ma-
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