724
Die mikroskopische Welt.
dann die prächtigsten Gestalten an. Die bekanntesten Formen nntcr diesen wahr-haft einzelligen Desmidieengattungen sind die Spindclzellen (Lioslorium), welche einerSichel oder dem Monde im ersten Viertel gleichen; andere Closterien erscheinen wiegerade, nach beiden Enden verjüngte Spindeln, oder wie steife Stäbe, die in herMitte zierlich geringelt sind. Der Inhalt aller dieser Gebilde ist in zwei gleicheHälften so vertheilt, daß das grüne Chlorophyll als gleichmäßige Decke die beidenHörner der Mondsichel erfüllt, mit Ausnahme der mittlern Zolle und der beidenSpitzen, welche farblos bleiben. In den letzter» bemerkt man zwei wasserhaltige Bläs-chen, in denen kleine Körnchen in lebhafter Bewegung zierliche Tänze zu vollführenscheinen. Zunächst den Closterien stehen die verschiedenen Formen der Sternscheiben(kuastrum, kliorasterias etc.): es sind sämmtlich freie, einfache Zellen, in der Mittestark eingeschnürt. Sie gleichen grünen Sternen mit zierlichen Buchten und Zacken,in den wunderlichsten und dabei doch regelmäßigsten Formen, vom Malteserkreuzbis zum Ordensstern. Gewisse Formen bestehen aus zwei im Centrum miteinanderverbundenen Kreuzen (St.aur.istrum, Kreuzstcrn); andere sind semmclförmig, gleichzwei übereinandergesetzten Kugeln, die von stachelartigen Spitzen ringsum starren(Xanilnrlium, Doppelklette); letztere Form ist geologisch wichtig, weil Ehrcnberg siefossil im Feuerstein gefunden hat. Der Inhalt der Stcrnscheiben ist grün wie beiden Spindelzellen, und jede Hälfte enthält auch hier zwei große Wasserbläschen, diemit tanzenden Körnchen gefüllt sind. Sämmtliche Desmidieen leben im Wasser, abersie lieben vor allem das mit gewissen Humusverbindungen gesättigte Wasser derTorflachen, des Grabenschlammcs und ähnlicher Lokalitäten, das sie mit ihren grünfunkelnden Formen schmücken; in ganz reinem Wasser gedeihe» sie ebenso wenig wieim faulenden, übelriechende», oder im Meerwasser. Ehrcnberg hat die ganze Fa-milie der Desmidieen für Thiere erklärt, und schreibt ihnen einen Mund und Magen,viele Füße, Nerven und Gefäße zu; insbesondere vom Closterium gibt er infolge die-ser Auffassung eine ganz verfehlte Deutung. Es ist jedoch an allen diesen Gat-tungen durchaus nichts vorhanden, was sie von gewöhnlichen Pflanzcnzellen unter-scheiden: sie haben keine Öffnungen, nehmen schlechterdings während ihres Lebens keinefeste Nahrung auf; ihr Membran> wird durch Jod und Schwefelsäure blaugefärbtwie jede Cellulosehaut; ihr Inhalt ist ganz so organisirt wie bei den Conjugaten,und selbst die Blasen mit den Körnchen sind nicht aus- und einziehbare Füßchen,wie Ehrcnberg glaubt, sondern Wasscrtropfen, sogenannte Nacuole», wie sie sich bc>zahllosen Pssanzenzellcn aus dem dichter» Schleim ausscheiden; selbst die tanzendenKörnchen finden sich „bei vielen Algen, von Wasscrtropfen eingeschlossen, z. B. bei einerbekannten Conferve Ödogonium, wo sie ebenfalls eine wallende, siedende Bewegunszeigen. Focke in Bremen will beobachtet haben, daß ein innerer FlimmerübcrzugHaut der Spindelzcllcn und Stcrnscheiben auskleide und die Bewegung der Kör"'chen veranlasse; doch ist diese Angabe bisher noch von keiner Seite bestätigt worden,und beruht wol auf einer Täuschung. Die Desmidieen sind ebenso gewißwie die Conjugaten, mit denen sie so nahe und innig verwandt sind, daß manmehren Gattungen zweifeln könnte, in welche der beiden Familien man sie einiordnen habe. Die langsame, angeblich willkürliche Bewegung, die manche Beobater den Closterien zuschreiben, unterscheidet sich in keiner Weise von derjenigen, ,,in zahllosen Algen infolge der Einwirkung von Luft und Licht sich äußert;den Conjugaten gehörigen Spirogyrcn lieben es sogar, ohne sichtliche Beranknäm Rande der Gläser emporzuknechen.
Bacillarien.
Mit den Desmidieen betrachtet Ehrcnberg die Familie der Bacillarien obtk .Hz.chenzcllen für so nahe verwandt, daß er beide Gruppen in eine einzige ^Marienoillaria) zusammenfaßte, in der die DeSmidiaceen und die eigentlichenoder Naviculaceen nur zwei Sectionen bilden sollten. In der That baden p^ .^ittungen der im süßen Wasser lebenden Bacillarien eine gewisse äußere Ay