Die mikroskopische Welt. 763
Auch die zweite Generation theilt sich bald, und somit verzweigen sich auch ihre Stiele.Hierdurch entstehen die baumförmig verästelten Stiele dieser Vorticellcnfamilien, diesich daher mit Korallenstöcken vergleichen lassen. Bei den Mankelthierchcn (Vagini-eola) theilt sich ebenfalls nur das in der Büchse eingeschlossene Thier; die eine Hälftebleibt in dem Muttergehäuse zurück, die andere schwimmt fort und baut sich nebenanein neues Häuschen.
Die Theilung ist die einzige Vermchrungsweisc, die Ehrcnberg bei den Infu-sorien nachgewiesen hat; den» daß die angebliche geschlechtliche Fortpflanzung, vonder dieser Forscher spricht, sich durchaus nicht durch die Beobachtung bestätigte, daßdie Körper, welche Ehrenberg Eier, Samcndrüsc und Samcnblase nennt, mit der Fort-pflanzung schlechterdings nichts zu thun haben, ist schon früher bemerkt worden.
Nichtsdestoweniger müssen die neuesten Entdeckungen über das Geschlecht derAlgen, welche das Vorhandensein eines Befruchtnngsprvccsses auch bei den kleinsten,einzelligen Pflanzen erwiesen haben, in uns die Überzeugung befestigen, daß auchbei den niedersten, einfachsten Thieren eine geschlechtliche Fortpflanzung neben derungeschlechtlichen Theilung als der eigentliche Abschluß ihrer Entwickelung vorhan-den, und daß daher männliche und weibliche Geschlechtsorgane, sowie Eier, die durchdie Befruchtung reif werden, an diesen Thierchen noch entdeckt werden müssen. Viel-leicht sind die gewöhnlichen Infusorien geschlechtslos und vermehren sich allein durchTheilung, bis endlich »ach einer außerordentlich langen Reihe solcher geschlechts-loser Generationen etwa eine geschlechtliche mit Männchen und Weibchen auftrittund, die Letzter» durch die Erster» befruchtet, durch das Legen von Eier» den ENt-wickclungskrcis beschließen. Vielleicht ist die geschlechtliche Fortpflanzung der Infu-sorien sehr selten, und kommt nur unter gewissen Umständen oder in gewissen Jah-reszeiten zum Vorschein. Haben wir doch auch bei den Bacillarien und Desmidieengefunden, daß dieselben sich zu unendlichen Masse» allein durch die Selbstlhcilungvermehren, ehe die Sporcnbildung durch Copulation bei der letzten Generation sichvollendet. Ein ähnliches Verhältniß werden wir später noch in der Classe der Nu-dcrthierc kenne» lernen.
Encvstcrcn. Tchwäinisprößlingc.
In den letzten Jahren sind einige merkwürdige Thatsachen aus der Entwicke-lungsgeschichte der Infusorien bekannt geworden, die auf manche Räthsel in dem Auf-treten dieser wunderbaren Thierclassc ein neues Licht geworfen haben. Viele Artenbesitze», wie Stein und Cohn nachgewiesen haben, die Fähigkeit, unter gewissen Um-standen an der ganzen Oberfläche ihres Körpers einen Schleim auszuschwitzen, der-n einer zarten kugeligen Schale oder Cyste erstarrt; innerhalb dieser Schale ziehtstch das Thier zu einer Kugel zusammen, an der man nach einiger Zeit weder Wim-porn, „och Mund, noch contractile Blase erkennen kann. Alsdann gleicht das Infu-sorium einer einfachen, farblose» Zelle, die keine Spur eines thierischen Charakterssich trägt; wir sagen dann das Thier habe sich eingepuppt oder cncystirt. Inder Regel cncystiren sich die Infusorien, sobald das Wasser, in dem sie leben, zuverdunsten beginnt; ist ein Gefäß mit Elockenthierchen eingetrocknet, so finden wirdem zurückbleibenden Bodensatz zahllose Kugeln, die eben von den encystirte»Dorticellen herstammcn. Im freien beweglichen Zustande können die Infusoriendurchaus nicht ohne Wasser von einer bestimmten chemischen Beschaffenheit cxistiren;wird ihnen dieses plötzlich entzogen, oder ist darin nicht so viel Luft gelöst, als siezu,«'Athmen bedürfen, oder enthält dasselbe zu viel Salze, oder ist es umgekehrt(bei den Meerinfusorien) mit Salzen nicht genug gesättigt — so sterben alsbaldInfusorien, und zwar zerfließen sie, d. h. ihr Körper platzt an irgendeinerstelle. Durch den Riß tritt die gallertartige Nindcnschicht sammt dem Lcibessastheraus und löst sich im Wasser auf; auch die Cuticula zersetzt sich allmälig, sodaß^ ganze Thier spurlos verschwindet. Es beweist dieses Zerfließe» zugleich, daß der-anfusoricnkörper in allen seinen Theilen aus einer wesentlich gleichartigen, wenn auch