Die mikroskopische Welt. 801
reit- gänzlich aufgehört haben, wenn jemals die Köpfe völlig auSgestorben wären,die zu klarer Beobachtung und scharfem Urtheil unfähig, dafür aber für Wahrneh-mung von Mirakeln auch noch heutzutage besonders bevorzugt sind.
Zm vorigen Jahrhundert, wo das Streben nach Aufklärung nicht selten inOberflächlichkeit ausartete, glaubte man alle jene Wunder und Zeichen, von deneninsbesondere die Annalen der bekanntlich sehr aborgläubigen Nömer, vor allem aberdie Chroniken des Mittelalters voll sind, ohne Ausnahme als Schöpfungen der Phan-tasie, oder als groben, absichtlichen Betrug auffassen zu müssen. Eine gründlichere,schärfere Untersuchung hat jedoch seitdeni herausgestellt, daß vielen angeblichen Wun-dererscheinungcn in der That eine wirkliche Naturbegcbenheit zugrunde lag, die frei-lich nicht jene ungewöhnliche Bedeutung besitzt, welche frühere Zeiten ihr zuschrieben,und die in der Regel von den Berichterstattern noch durch Übertreibungen und Zu-thaten aller Art oft bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurde. So wurden z. B.lange Zeit hindurch die zahlreichen ältern und neuern Zeugnisse über angeblichenFeuer- oder Stcinrcgen für Lügen erklärt, bis diese Phänomene seit dem Beginndieses Jahrhunderts als wirkliche Thatsachen (Meteorsicinfälle) wissenschaftlich consta-tirt worden sind. Selbst in vielen Fällen, wo der Bericht einer Wundererscheinungvon offenbarer Täuschung oder von Betrug zeugt, läßt es sich doch nachweisen, daßwenigstens der Glaube an dieselbe oder die hierauf bezügliche Volkssage ihre Wurzelin irgendeinem ungewöhnlichen oder auffallenden Naturphänomen hat, welches aben-teuerlich aufgefaßt und mystisch umgedeutet wurde.
Einen Beweis hierfür liefern die zahlreichen, bei allen Völkern von den älte-sten bis in die neuesten Zeiten uns entgegentretenden Berichte von Wundercrschei-uungen, bei denen Blut eine Rolle spielt. Nach diesen Angaben ist von Zeit zu3eit auf den verschiedensten Gegenständen plötzlich Blut erschienen, bald in Speisen,bald auf Kleidern, bald im stehenden Wasser, bald im Regen, auf Mauern oderan Felsen, Schnecfclder oder Meeresflächen röthend. Diese Erscheinungen habenvon jeher des Volkes Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, und das Volk, in seiner Weisedie Natur auffassend, hat sie von je als wichtige, verhängnißvollc Erscheinungen an-gcsehen. Aber erst in neuester Zeit hat die Wissenschaft erkannt, daß hier auch ihrein Gebiet für ihre Forschungen eröffnet sei. Und erst seitdem diese sich eines Be-reichs bemächtigt hatte, das früher ausschließlich als Tummelplatz des Aberglaubensund der Phantasie gegolten hatte, ist es einerseits möglich geworden, den Thatsachenselbst ihr Recht werden zu lassen, welche die Aufklärung des vergangenen Jahrhun-derts gänzlich abgeleugnet hatte, andererseits aber dieselben unter die Reihe bekann-ter Naturerscheinungen einzuordnen, denen der Volksglaube sie als Ausnahme, alsZunder entgegenzustellen gewohnt war.
Brot, im Schrank festverschlosscn, bedeckt sich über Nacht mit Blut, das sich int^lhen Tropfen ansammelt; des andern Tags zeigt sich das Blut auf allen Speisen;^lutflecke erscheinen an den Kleidern und andern Geräthen plötzlich, ohne alle Ur-sache, und verschwinden Wieder, ohne daß etwas vorangegangen wäre, was dieseWunderbare Erscheinung mit den Erfahrungen des gemeinen Lebens in Zus-mmen-ba»g brächte. Oder ein Weiher, ein Graben, ja alle Gewässer in einem Lande sär-den sich „st grün, ^„>1 weiche,, roth, und wenn das Wasser in der Sonne aus-vvcknet, scheinen allerorten Blutlachen zurückzubleiben. Oder ein See, oder selbstos Meer blüht plötzlich in weiten Strecken bei Hellem Sonnenschein in purpurnemSchimmer; so weit das Auge reicht, sieht es eine rothe Fläche; wenige Stunden dar-uf wird die Sonne von Wolken verdeckt und das Wasser ist wieder klar.st solche Erscheinungen mußte» von jeher das Gemüth der Mensche» im höch-en Grade aufregen; sie gehörten nicht in den regelmäßigen Kreis der Wahrnehmun-welche die Natur ihnen darbot, sie niußten ihnen daher als der unmittelbareals 2 d """ Hähern Macht erscheinen, welche über und außer der Natur steht,v »eichen und als Wunder. Freilich stehen diese Phänomene keineswegs so völligDi-«egenwart. XI. 51