807
Die mikroskopische Welt.
wie die der Luft stets blau, und das Grün erscheint blos dann, wenn man unterder durchsichtigen blauen Wasserfläche einen gelben Sandgrund hindurchscheinen sieht.Ein Glas Wasser, aus einem blauen oder grünen See geschöpft, ist stets ganz klarund farblos, und zeigt auf den ersten Blick, daß durchaus keine grünen Organis-men in ihm vorhanden sind.
Rothe Wasserblüte.
Haben jedoch mikroskopische Thierchcn oder Pflänzchen von rother Farbe imWasser sich, wie dies sehr häufig der Fall ist, in solch unendlichen Massen vermehrt,daß sie große Flächen fast ausschließlich bedecken, dann veranlassen sie eine gleich-sonnige rothe, bald dem Karmin, meist aber dem Blut ähnliche Färbung, die oftplötzlich entsteht und wieder verschwindet, und dem Uneingeweihten, der sich diesenVorgang nicht zu erklären vermag, als ein schreckcncrregendes Mirakel erscheinen muß.
Namentlich in kleinen stehenden Lachen und Teichen vermehren sich gewisse roth«Infusorien aus der Gattung der Schönaugen (Luglona sanguinoa) in solch unend-licher Anzahl, daß, wenn die Sonne sie an die Oberfläche lockt, das Wasser durchsie mit einer schlüpfrigen rothen Schicht bedeckt wird, als sei Blut darüber ausge-gossen. Und so wurde es in der That früher unzählige male aufgefaßt und jedes-mal als ein sehr bedeutungsvolles und furchtbares Ereigniß angesehen. Die Lu-ßleim «anMmoa ist eins der kleinsten und dabei zierlichst.cn Geschöpfe, die man sichdenken kann; sie ist prächtig grün und roth gemalt, und hat einen scharlachrothenAugenpunkt am krystallhellen Köpfchen; dabei ist sie so klein, daß ihrer vier neben-einander noch nicht die Breite eines gewöhnlichen Mcnschenhaarcs bedecken. Diesesunschuldige Thierchcn hat oft unter ganzen Völkern Aufregung verbreitet und selbst,wie die Geschichte nachweist, dämpfende Heere in Schrecken gesetzt.
In großen Seen wird eine ähnliche, über weite Strecken sich ergießende blut-rothe Färbung von mikroskopischen Pflänzchen veranlaßt. Es sind dies zarte, fein-gegliederte Oscillaricn von purpurrothcr Farbe, höchstens von der Dicke einfacherCoconfaden, die sich im Wasser langsam hin- und herschlangelii und pendelartig os-cilliren. Diese Fäden wachsen zu Milliarden auf dem Grunde mancher Seen undbedecken den Bodenschlamm mit einem dichten Filze; der Sonnenschein aber übtauf diese Pflanzen wie auf alle andern einen eigenthümlichen Neiz aus, und veran-laßt sie vom Grunde der Gewässer aufzusteigen und an der Oberfläche derselben sichi» sammeln, gleichsam um sich zu sonnen. Alsdann erscheint das Wasser durchdie Oscillaricn, als sei es bedeckt von schäumendem, purpurnem oder schwärzlichemBlute. Hört der Sonnenschein auf, so senken sich die Pflanzen wieder zu Boden,und die rothe Färbung des Wassers verschwindet. Kehrt die Sonne wieder zurück,so ist in kurzem der See von neuem blutig gefärbt. Dieses Phänomen ist nichtnur in den ältesten wie in den neuesten Zeiten in vielen Süßwasserseen betrach-tet worden, sondern es ist auch nicht unwahrscheinlich, daß das Rothe Meer, dasBahr Suph, Algenmcer der Heiligen Schrift, mikroskopischen Oscillaricn seinentäthsclhaften Namen verdankt. Bei seiner Reise in Arabien fand Ehrenberg imhinter 1823 eine Bucht dieses Meeres bei Tor, so weit sein Auge reichte, mit blu-tigem Schaume bedeckt, den die mikroskopische Untersuchung in unzählige Bündelvon Oscillaricn (Ii-ieboclorunium sr^tkvsouni) auflöste; dieselbe rothe Färbung be-achtete später ein französischer Reisender Dupont aus demselben Meere, ohne vonEhrenberg zu wissen. Seitdem hat man ähnliche Färbungen des Meeres durch mi-kroskopisch kleine Pflänzchen noch an vielen Stellen der Erde beobachtet, im Chine»stschen und im Indischen Ocean, an den Küsten von Californien, wie an der vonPortugal. An lctzterm Orte war das Meer auf sechs Quadramieilen roth gefärbt,sind zwar durch kugelige Zellen, die kaum den sechshundertstcn Theil einer Linie großwaren, und von denen in jeder Kubiklinie Meerwaffer sich über 100 Millionen be-enden mußten (Uvoinoooons atlanticus). Wir können alle diese Färbungen als einevothr Wasscrblüte betrachten.