Band 
Eilfter Band.
Seite
879
JPEG-Download
 

Die östreichische Monarchie. 879

ßen im Grunde erst verleihen. Das sind die Verhältnisse der geistigen und sittli-chen Bildung. Hätte nicht auch die modernste aller Wissenschaften, die Naturge-schichte des Volks, die wechselseitige Bedingung des materiellen und sittlichen Da-seins zur allgemeinen Überzeugung gebracht und bewiesen, wie jeder Stand und jedeBeschäftigungsweise ihre eigenthümlichen Anschauungen, Tugenden und Laster be-sitzen, wie mit dem Wechsel der Culturstufe auch die intellektuellen, sittlichen Beziehun-gen des Volks sich ändern, sodaß arme und reiche Völker auch auf geistigem Bodensich unterscheiden, wie es eine Kattunmoral und Tuchmoral, eine Kaffcecultur undBiercultur gebe: die Betrachtung der ökonomischen Lage Östreichs würde die gleicheErkenntniß geweckt haben. Wir bemerkten bereits bei der Untersuchung der Popula-tionsverhältnisse den Einfluß der Landschaft, des Wohnorts, der Nationalität, derBeschäftigung; die Lebensdauer, die Zahl der Geburten und Stcrbefälle, die Chanceneines natürlichen oder gewaltsamen Todes, Alles fanden wir durch natürliche Mächtebedingt; die Fortschritte der Agricultur erschienen vom Volkscharakter abhängig, dieIndustrie trat uns als das Privilegium einzelner Nationalitäten entgegen; ob derHandel vorzugsweise durch stabile Kaufleute oder durch Hausirer betriebe» wird,hatte seine bestimmten, wir möchten sagen, naturgeschichtlichen Ursachen. Es warunverkennbar, daß unter den Slawen eine Abneigung oder eine Unfähigkeit zumHandeln herrscht, daß die sociale Stellung der Aiden in Östreich das Verkehrslcbeninfluenzirt. Wir können sogar beobachten, wie das verschiedene Glaubensbekennt-niß bei gleicher Nationalität den Volkscharakter verschieden färbt. Der protestan-tische Slowake Nordungarns ist ein ganz anderer Mensch als sein katholischerStammbruder. Ob eine Nationalität in einer Landschaft ausschließlich herrscht, odermit andern vermischt ist, wol gar die bedrückte Minderheit bildet, hat auf die Bil-dung, Betriebsamkeit den entschiedensten Einfluß. Die Slawen, die unter den Ma-gyaren leben, stehen auf einer hoher» Culturstufe als die reiuslawischc BevölkerungKroatiens, die siebenbürgischen Deutschen zeichnen sich durch geistige Regsamkeit vorden Bewohnern reindeulscher Provinzen Vortheilhaft aus. Der Neid, die Eifersuchtgestalten sich zum Wetteifer, das Bewußtsein, daß die Minderheit nur durch einegrößere Energie sich behaupten könne, spannt die Vslkskraft an.

Das erste und wichtigste Moment, das uns entgegentritt, „ist die Nationalität.Wer Östreich im Jahre 1848 oder 181'.» besuchte, brachte die Überzeugung von derReise, der Staat müsse im nächsten Augenblick zusammenbrechen und in seine Atomezerfallen, so scharf getrennt und feindlich, entgegengesetzt bewegten sich damals dieeinzelnen Stämme. Wer gegenwärtig Östreich durchstreift, wird dagegen an diebunte nationale Mischung kaum glauben, vollends die berüchtigten nationalen Kämpfeals arge Übertreibung ansehen. Ein dicker undurchsichtiger Firniß ist über die reich-geäderte Volksnatur gezogen, eine gemeinsame Dcckfarbe verbirgt die früher so grel-len Gegensätze. Magyaren und Slawen, Rumänen und Ruthenen, Alle zahlen ge-duldig die Steuern und scheinen nur den friedlichsten, bürgerlichen Zwecken nachzu-leben. Es ist erfreulich, daß der nationale Fanatismus der jüngsten Zeit gebrochenist, es ist aber schwer zu glauben, daß der tiefwurzelnde Stammhaß schon von Grundaus durch die neuen Institutionen ausgerottet wurde. Versöhnender als die Beam-tencolonien, welche aus den westlichen nach den östlichen Provinzen befördert wurden,wirken die materiellen Interessen, rascher germanisirt werden die fremden Stämmeburch ihren ökonomischen Vortheil als das allgemein übliche deutsche Armeecommando.Der Handwerker kann die Fachbildung nicht mehr entbehren, sie wirft ihn demDeutschthum in die Arme; der freigewordene Bauer wendet eine größere Summeauf die Erziehung seiner Kinder an; das Nächste, was er für sie anstrebt, ist dieKenntniß der deutschen Sprache, die an sich einem kleinen Capitale gleichkommt;bcr Pachter, ein Stand, den die nächsten Jahre schon in Östreich heimisch machenwerden, verkehrt mit so vielen Menschenclassen, daß ihm die Handhabung des Deutschenunumgänglich nöthig ist; mit Einem Worte: die Mittelclasse wachst und ist in einerstetigen Zunahme begriffen. Die östreichische Mittelclasse ist aber wesentlich zweisprachig,