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Die orientalische Frage.
eigenen Mißgriffen dargelegt. Indessen muß man sich nicht einen plötzlich bemerkbarwerdenden Verfall denken, am wenigsten darf man, wie so häufig geschieht, dieSchlacht von Lepanto (1872) als den sichtbaren Ausgangspunkt desselben sich vor-stellen. Selten ist ein so herber Schlag so rasch verwunden worden wie dieser,dank der Entschlossenheit und Thatkraft des Großveziers Mohammed-Sokolli, derdem venctianischcn Bailo sagte: „Wir haben euch, indem wir euch ein Reich (Cy-pern) entrissen, einen Arm abgehauen, ihr habt, indem ihr unsere Flotte schlugt,uns den Bart geschoren; der abgehauene Arm wächst nicht wieder nach, der ge-schorene Bart nur um so dichter" — und der den Kapudan-Pascha zur Herstellungder Flotte mit den Worten antrieb: „Wenn die Hohe Pforte geböte, die Anker ausSilber, das Tauwerk aus Seide, die Segel aus Atlas zu beschaffen, so müßte esmöglich gemacht werden." Im neunten Monat nach der Niederlage stach wiederumeine osmanische Flotte, 250 Segel stark, in See. Besonders ist zu bemerken, daßbei den Beziehungen der Pforte zu Rußland der allmälige Verfall der erstern Machtnoch ganz und gar nicht in Betracht kommt.
Rußland ringt während dieses Zeitraums mühsam vom tatarischen Joch sichlos. So vollständig war die Unterwerfung unter diesen einer Naturkraft ähnlichwaltenden Völkersturm,, der die große Wanderung schien erneuern zu wollen, daß eseine Zeit gab, wo die Großfürsten vom Tatarcnkhan förmlich ernannt wurden, unddaß in ihrem Palast zu Wladimir die Leute wohnten, durch welche der Khan denTribut eintreiben ließ. Fast gleichzeitig fiel das reiche Nowgorod (1477) und zer-streute sich (1480) die bisjctzt herrschende „Goldene Horde" nach einem Zuge gegenMoskau, der in der That weniger an beherztem Widerstand des Großfürsten Iwan lll.als an. der unerklärten Vorstellung des Khan Achmet von einer dunkeln Gefahr,vielleicht auch durch das Ausbleiben des erwarteten Königs von Polen, scheiterte.Dazu kam denn, daß von den getrennt »nmächtigcn Fürstenthümern eins nach den>andern von dem Großfürsten in den moskowitischen Staat einverleibt ward. Unterseinem Enkel, dem ersten Zaren, Iwan IV., fiel denn auch Kasan und Astrachan,ward Sibirien entdeckt und erobert. Aber welche furchtbaren Krisen der Herren-losigkeit, der Gewaltherrschaft, des drohenden Übergewichts der Westslawe» hatte da?Reich noch zu bestehen, bis es unter den Romanow befestigt ward!
Es wird für den Verlauf unserer Betrachtung nicht ohne Belang sein,Eindrücke nebeneinanderzustellen, welche Rußlands Aufstreben in mehren Länder"Europas geweckt hat. Zunächst in unserm Vaterland«.
Kaiser Friedrich lll. hatte seit 1486 (also fast unmittelbar nach Rußlands erstesAufathmen) versucht, mit Iwan lll. sich in Verbindung zu setzen; er schlug l>e"Großfürsten eine Familienvcrbindung vor. Iwan hätte am liebsten seine Tochterdem römischen König Max vermählt. Dieser zog zwar die Erbtochtcr vong»nd vor, aber ein Vertrag ward doch abgeschlossen (1400), worin unter And^Rußland versprach, dem Hause Ostreich in Ungarn Vorschub zu thun undCombcs bei diesem Anlaß) man weiß, daß Rußland dies Versprechen Jwan'svergessen hat. Max selbst schrieb später (1518) in richtiger Würdigung der 2^,hältnisse an den Hochmeister des Deutschen Ordens: „Die Unversehrtheit Polens ist!,,entbehrlich für die Wohlfahrt von ganz Europa ; die Größe Rußlands ist gefäh^'^-Es ist Karamsin, dem man die Kunde dieser und so mancher ähnlichen, merk
digen Äußerung abendländischer Fürsten über Rußland verdankt.
In den Vordergrund trat bald der Streit um Livland. Diese deutsche ^
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ziing war von verschiedenen Seiten her bedroht; Jeder glaubte nach he,
Deutschland gehöre, die Hand ausstrecken zu dürfen; wem Livland zufallen ^
war schwer vorauszusehen, gewiß aber, daß es verloren gehen müsse, wenn dasin gleichgültiger Thatenlosigkeit beharre. So wenig war Karl V. ft^st sei
daß er 1551 dem Papste schrieb: Der russische Zar (Iwan der Schrecklichbereit, der abendländischen Kirche sich anzuschließen, der Papst möge die Ich ^iilegcnhcit nicht verabsäumen, auf daß Ein Hirt werde und Eine Hcerde. ^
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