Band 
Eilfter Band.
Seite
908
JPEG-Download
 

908

Die orientalische Frage.

lose» Opposition gegen die Regierung es mehr als einmal ausgesprochen, Hannoverhabe sich iriumphircnd auf Englands Schulter geschwungen. Das war keine Redens-art und keine Übertreibung. Die Corruption jener Tage entzog dem Parlament jedeControle über die auswärtige Politik ebenso wirksam, als dicS, sei es aus welchemGrund es wolle, seit der Neformbill der Fall gewesen. Das Verhältniß zu Ruß-land gibt davon ein redendes Zeugniß.

Georg's I. herrschende Idee war, die Fürstcnthümcr Bremen und Verben mitseinem Kurfürstenlhnm Hannover zu vereinigen. Man könnte vielleicht darauf zurück-kommen, daß von, englischen Standpunkt aus Cromwell einst den Gedanken gehabt,diese Fürstcntbümer für England zu erwerben; aber es genügt, an die Fortdauerdes für England so gut als für Andere lästigen Stadcr Elbzolls z» erinnern, umdarzuthnn, wie fern dem Kurfürsten jede Rücksicht auf seine neugewonnene britischeKrone blieb. Bremen und Verben, im Westfälischen Friede» als Neichsland derKrone Schweden zugetheilt, war von Dänemark Karl Xll. abgenommen und demKurfürsten verkauft worden. Der NcchtStitcl war ein zweideutiger; das Bündnißmit Rußland sollte ihn zu verstärken dienen. Im Bündniß vorn Jahre 1715 machtesich der Zar anheischig, dem Kurfürsten den Besitz von Bremen und Verben zu-wege zu bringen; dafür verpflichtete sich der Kurfürst, alle möglichen Mittel anzu-wenden, dem Zaren im allgemeinen Friede» die Abtretung von Jngermanland, Ka-relicn und Ehstland, sammt der Stadt Neval und ihren Dcpcndcnzen zuwege zubringen. Dasselbe Versprechen ertheilte Georg l. als König von Großbritannien imvierten Artikel des Greisswalder Vertrags vom 17. Oct. 1715. Aber als im folgendenJahre der Fürst Knrakin einen Vertragsentwurf vorlegte, »ach welchem der Königvon England auch Livland in den Besitz Rußlands zu bringen und eine englischeFlotte wider Schweden unter den Befehl des Zaren-und seiner Admirale zu stellenversprechen sollte, so ward dieses abgelehnt. Man hatte in London ausgefunde»,nicht allein daß Letzteres gehässig, sondern daß Schweden ohne jene Provinzen un-möglich bestehen könne. Eine Rote des Staatssekretärs Stanhope vom 22. Febr.1720 sagt: „Schweden soll und kann Neval nicht abtreten; es bleiben jedoch demZaren noch andere Seehäfen und große Striche Landes an der Ostsee."

Fragt man, woher dem Cabinet Georg's I. diese späte Einsicht gekommen, somüssen wieder die kurfürstlichen Beziehungen den Schlüssel bieten. Einige vonGeorg's I. hannoverischen Räthen waren zugleich Gutsbesitzer ,in Mecklenburg; derHerzog Karl Leopold, dessen politische Moral davon ausging, er brauche nicht z»halten, was seine Vorgänger in der Regierung versprochen, trat die Privilegien dermecklenburgischen Ritterschaft unter die Füße; hinter Karl Leopold stand der Ohen»seiner Gemahlin, der Zar. In hannoverischen und englischen Staatsschristcn (nia»findet sie mit den russischen zusammen, wo i»an sie nicht, sucht, im zweiten Bande vo»Schmauß' „Einleitung") wird dem Zaren der Vorwurf gemacht, er habe sichins Reich drängen wollen, während der Zar behauptete, auf eifriges Anhalten desKurfürsten habe er zuerst russische Truppen ins Reich geschickt. Doch ist das niclflAlles. Dem Zaren wird auch die Absicht vorgeworfen, „den Schweden zu ihre»in Deutschland verlorenen Landern wieder zu verhelfen". In der That gehört dieszu den Entwürfen des Grafen Eörtz, die indessen noch weitergingen und die f"'genannte protestantische Erbfolge in England bedrohten. Es ward bemerkt, daß ^Herzog von Ormond in Mitau sich heimlich aufgehalten, und vermuthet, daß ^eine Heirath des Prätendenten mit einer Nichte des Zaren habe unterhandeln si>A"'Interessant bleibt immer die Sprache, welche Rußland gegen England führt.

Zar geht auf den consticutionellen Standpunkt ein und beklagt sich über des KönigMinister; er spricht von der Freundschaft früherer englischer Könige, welche, gegenden Zaren „keine besondere Verpflichtung gehabt", (natürlich, man hatte ihnen m 1,wie dem ersten Georg, Bremen und Verben garantirkl); er ersuchte den König,möge seinen Ministern befehlen, die unter civilisirten Nationen gegen große v»r.hcrkömmliche Sitte nicht außer Augen zu setzen. Zum Dank für dies- gute» cyc