- Die orientalische Frage. - 911
Zerstörung einer Stühc gegen die Übermacht gegeben. Vergleicht man in andernBeziehungen den Ewigen Frieden von 1720 mit dem Frieden vom Pruth, so ist,abgesehen von Asow, was verloren blieb, das Demüthigende des letzter» Abkommensbeseitigt worden. Der schimpfliche Eingang des Aktenstücks ist verschwunden, dasVerbot, einen Gesandten in Konsianlinopel zu halten (ein Verbot, das die Russenin ihren Text gar nicht aufgenommen hatten), ist zurückgezogen, die Abgabe an denKhan der Krim ist aufgehoben. Aber die polnische Unterhandlung bleibt immer dieHauptsache.
Peter der Große, die Pforte und Pcrsicn.
Ebenso meisterhaft hat der Zar in Bezug auf Persien operirt. Die Unruhenin Persien boten eine willkommene Gelegenheit, nicht allein persisches Gebiet abzu-reißen, sondern die Völker des Islam untereinander möglichst entzweit zu halten unddie Pforte gegen Persien des Gewaltraubes mitschuldig zu machen, den man gegenPolen der Zukunft vorbehielt. Die religiöse Unduldsamkeit mußte den Krieg desSultans mit den Persern als einen Krieg gegen die Ketzer (die Schi!) und als ei»Glaubcnswerk darstellen. Bei Hammer liest man drei höchst merkwürdige Fetwasdes Mufti Abdullah, die bei diesem Anlaß abgegeben worden. Umsonst machte derRichter Kernel'Efendi geltend, die Perser, seien doch auch Anhänger des-Propheten,und wer zur Kiblah sich wende, der könne nicht als Ungläubiger gescholten werden;er ward zur Strafe nach Lemnos ins Elend gesendet. Denn die Perser verwarfendie Sunna (die Tradition), und sie erlaubten sich für die Kritik, die -sie übten,Gründe anzuführen, die wir am anschaulichsten in einer Anekdote wiedergeben können,welche wir der „Geschichte Perstcns" von Malcolm entlehnen. Ein gelehrter Ketzerwar einmal eingeladen, mit vier rechtgläubigen Doctoren zu disputiren. Er stelltesich ein, nahm aber seine Pantoffeln unter den Arm, anstatt sie außen stehen zulassen. Man möge es ihm nicht übeldcuken, sagte er; einem seiner Vorfahren,zur Zeit des Propheten, seien seine Pantoffeln durch einen Anhänger des Hanefagestohlen worden. Großes Gelächter: Hanefa habe ein volles Jahrhundert nachdem Propheten gelebt. „Nun, so war es Malek." Der lebte noch später. „Muffei,also wol." Immer besser. „Nun, so muß es Hanbal gewesen sein." Hanbal?Der fällt ins zweite Jahrhundert nach der Hedschra. „Wenn sich das so verhält",versetzte der boshafte Ketzer, „wie mag es dann zugehen, daß diese heiligen Männermehr gewußt haben sollen als ihr, ihr Herren, und als ich; mir scheint, es kamdamals wie jetzt nur darauf an, wer der Gelehrteste ist."
Indessen läßt sich nicht leugnen, daß Folgen vor; großer Bedeutung an diesenElaubensunterschied sich knüpfen. Es handelt sich nicht allein um Ali's Recht,, dem,nach der Überzeugung der Schii, großes Unrecht widerfahren, weil er der Ältesteim Glauben, dem Propheten verwandt, der Tochter desselben, Fatimah, vermählt,ja vom Propheten selbst, zum Nachfolger ausersehe» war. , Diese Ketzerei, die seitder Erhebung der Sofi (am Ende des 15. Jahrhunderts) in Persien zur National-rcligion geworden, legt die Axt an die Wurzel des osmanischen Staats- und Kirchen-thums. Die Schii geben den Jmamtitel nur den zwölf unmittelbaren Nachkommendes Propheten. Der letzte derselben, Jmaiir Mehdi, „ist nicht gestorben, er schlum-mert nur"; er ist, wie unser Barbarossa, zur Zeit noch verborgen. Daraus gehthervor, daß die Schii kein sichtbares Oberhaupt der Kirche haben, in der Weise,wie der Sultan dafür gilt, dessen Anspruch denn vor den Augen Derjenigen, welchedie Tradition verwerfen, natürlich keine Gnade findet. Mit diesem Anspruch verhältes sich so: der Jmam soll eigentlich von den Koreschiten abstammen; Mahomed Xll.aber, der letzte Abbaside, hat aus den Titel förmlich zu Gunsten Sclim's I. ver-zichtet, daher der Sultan als geistliches Oberhaupt aller Rechtgläubigen gilt.
Solche Verhältnisse waren wie geschaffen, um Rußlands Zwecke zu fördern.Die innern Unruhen Persiens hatten einen Nachbar nach dem andern zu Übergriffengereizt. Peter hielt den Blick auf das Kaspische Meer, namentlich auf dessen Süd-