^ Die orientalische Frage. 913
> Olynth, Potidäa, Methone, und wie viele andere mehr, so verbindet man damitnicht immer die Anschauung des Zweckes, den Philipp bei seinen Eroberungen undbei der Reihenfolge derselben hatte. Ein Blick auf die Karte klärt Alles auf. Ma-ccdonien war ein Binnenland, durch einen Kranz unabhängiger Städte, kleiner Frei-staaten, von, Meere getrennt. Daher müssen diese Plätze fallen. Die Handel mitj den Jllyriern führen zur Besitznahme von Häfen am Adriatischen Meere. Die Hei-rakh mit Olympias, der Schwester des Königs von Epirus, hat denselben Zweck.Der Kampf mit den Thraciern, Alles, was aufs Schwarze Meer, den Hellespontund auf Byzanz Bezug hat, spricht für sich selbst. Es ist der Jnstinct der Herr-schaft, welcher den makedonischen König und den russischen Zaren aus Meer geführthat. Beide erkannten und erwarben durch List und Gewalt die Mittel, ein großesReich bis ins Unbestimmte hin zu erweitern, die Anlässe der Intervention in fremdenAngelegenheiten zu vervielfältigen und den Einfluß der indirectcn Oberhoheit auchdahin zu tragen, wohin das Scepter nicht reicht.
Nach einer andern, gewissermaßen persönlichen Seite hin, erinnert der Zaran den macedonischen König. Philipp herrschte über ein barbarisches Volk; er selbstwar kein Barbar. Ein Kvnigssohn aus Argos, aus dem Stamme des Hercules,hatte griechische Pflanzer nach Macedonien geführt: von ihm leiteten die macedoni-schen Könige ihre Herkunft ab. An einem und demselben Tage kam dem Philippeine dreifache Freudenkunde: ein Aufstand in Jllyrien war unterdrückt, ein Sohn(Alexander!) war ihm geboren, und im Wagenrennen von Olympia hatte sein Ge-spann obgesiegt. Man glaubt, die letztere Botschaft sei für ihn zur Zeit die wich-tigstc gewesen: indem sei» Gespann zur Preisbewerbung zugelassen ward, war erals echter Sohn Griechenlands anerkannt. Und wie hätte er sonst im Rathe derAmphiktyonen Sitz und Stimme, wie die Bundeshauptmannschaft erlangen mögen?
Peter war ein Nationalrusse. Er wollte nichts Anderes sein. Der Mummen-schanz war ihm fremd, i» welchem Iwan der Schreckliche sich gefallen hatte; Iwan,der (nach Posscvin) behauptete, er stamme von einem Bruder des Julius Cäsarab, Prussus mit Namen, und der (wie ein Deutscher bei Karamsin berichtet) sichrühmte, deutscher Abkunft zu sein, aus dem bairischen Geschlecht, „davon sein Adelnoch den Namen hätte Boyorv (Bojaren)". Peter suchte sich aber unter den civili-sirken Herrschern einzubürgern, durch Familieuverbindungen und ebenso sehr, indem ersein Volk zur Gesittung heranzubilden strebte. Wie weit dies gelungen, bleibt eineFrage, die vielleicht Keiner richtiger beantwortet hat als Friedrich von Räumer, indemer sagt, daß dem russischen Reiche zu gleicher Zeit alle Vortheile der Barbarei undder Bildung zugute kommen.
Damit ist denn auch Petcr'S eigenes Wesen bezeichnet. Über die Roheit undden niedrigen,, moralischen Ton in Philipp's Umgebung sind von seinen Feindensehr bittere Äußerungen auf uns gekommen; es wird der Kritik immer sehr schwerwerden, aus Partciberichten das Einseitige, Absichtliche auszuscheiden. In Bezugauf Peter sind unverdächtige Zeugnisse über das Gemisch von Barbarei und Bil-dung in seinem persönlichen Auftreten vorhanden. Der Bischof Burnet hatte ihmi» England als Führer gedient und mittels guter Dolmetscher sich viel mit ihmunterhalten. Seine Eindrücke von dem Herrscher faßt er in Folgendem zusammen:„Er ist ein Mensch von sehr heftigem Temperament, leicht entflammt und sehrdrutal in seiner Leidenschaft. Er steigert seine natürliche Heftigkeit durch vielesTrinken geistiger Getränk-, die er sich selbst mit großem Eifer zurechtmacht. Er istkrampfhaften Zuckungen am ganzen Körper ausgesetzt, und sein Kopf scheint dadurchangegossen zu werden. Es fehlt ihm nicht an Fähigkeit, und er hat ein reicheresvon Kenntnissen, als bei seiner sehr armseligen Ausbildung zu erwarten wäre.Nachdem ich ihn oft gesehen und mich viel mit ihm unterredet, konnte ich nur dieTiefe der göttlichen Vorsehung anbeten, welche einen so wüthenden Menschen (suck^ kcmious ma») zu so unumschränkter Gewalt über einen so großen Theil der Erde auf-Die Gegenwart. Xl. 58