Band 
Eilfter Band.
Seite
917
JPEG-Download
 

Die orientalische Frage. 517

schwer, die Schweden mit Hoffnungen hinzuhalten und endlich zu bewegen, daß siebei der Erklärung, keinen Zollbreit Gebiet werde Nußland opfern, sich auch be-ruhigten. Schwede» verfiel mehr und mehr einem heillos „zersetzenden Treiben derFriktionen, Rußlands Staatskrast erstarkte, und Rußlands Übergewicht war bald soentschieden, daß es in der Person des Herzogs Adolf Friedrich den Schweden einendem russischen Herrschcrhause nahe verwandten König gab, und daß es diesen Königdaran erinnern durfte, wie er seine Krone der Kaiserin von Rußland verdanke.

Rußland und die skandinavischen Mächte.

In doppelter Hinsicht ist Rußlands Verhältniß zu Schweden und Dänemarkvon großer Wichtigkeit für die Wcltstellung jener Macht, also auch für ihre Fort-schritte im Orient. Erstens ist es Rußlands augenfälliges Interesse, die skandinavi-schen Kronen getrennt zu erhalten; denn eine Einigung derselben würde nicht alleinder Ostseeherrschaft Rußlands ein Ende machen und den Grund und Boden be-drohen, auf welchem Petersburg steht, sie würde jeder Unternehmung Rußlandsnach der Seite der Türkei hin eine so ernstliche Demonstration entgegenzustellenwissen, daß der Angriffskrieg im Südosten der russischen Grenzen jeden Augenblickzu einem Vertheidigungskrieg im Nordwesten umgeschaffcn werden könnte. Zweitenskommt gar sehr in Betracht die Parallele zwischen dem Sunde und den Dardanellen.Rußlands Interesse ist, seine „Schlüssel seines Hauses" (denn sie erschließen in derThat den Zugang zum großen Weltmeer und zum Mittelmeer), wenn es sie nichtunmittelbar in die Hand nehmen kann, wenigstens in den Händen einer schwa-chen und abhängigen Macht zu belassen. Sage man nicht, die heutige Weltlagebeweise, daß Rußland aus seinem Einflüsse auf Dänemark keinen Vortheil ziehe, essei ja die Ostsee von englischen und französischen Kriegsschiffen erfüllt und die FlottenRußlands in seine Häfen festgebannt. Allerdings kann Rußland den Dänen nichtdie Stärke verleihen, den vereinigten Geschwadern der Westmachte die Durchfahrtzu verweigern. Aber selbst im gegenwärtigen Augenblick bewährt sich RußlandsPolitik. Haben denn etwa Dänemark und Schweden nur das Geringste gethan,um sich vom russischen Einfluß zu emancipiren, und vor der Wiederkehr des Druckessich zu schützen, wenn die Engländer und Franzosen die Ostsee, in der sie dochnicht ewig bleiben können, wiederum werden verlassen haben? Rußland hat es sowohl verstanden, die beiden Regierungen auscinanderzuhalten, es hat um Dänemarkinsbesondere, indem es den Gelüsten des kleine» Volks nach deutschen Ländern Vor-schub that, sich ein so großes Verdienst erworben, daß eine Einigung der beidenKronen, also eine gemeinsame skandinavische Politik ebenso wenig als ein Anschlußderselben an die Westmachte erfolgt ist. In Stockholm liebt man die Russen nicht,in Kopenhagen ebenso wenig; aber in letzterer Hauptstadt weiß man recht wohl, daßEngland nur in der Blindheit (und es könnte doch einmal sehend werden!), Ruß-land aber im Einklang mit seinen eigenen Interessen das Londoner Protokoll unter-zeichnet hat. Und in Stockholm würde man sich sehr wohl hüten, aus der Hand derWest,,,ächte d<rs Geschenk Finnlands anzunehmen; denn man weiß, daß die West-mächte wenig und Dänemark gar nichts zu thun geneigt sein würden, wenn überdurz oder lang Rußland die Eroberung von 1809 zurückfedern sollte.

Da nun diese Verhältnisse noch heute ihre Geltung haben, so werden die An-sichten eines Staatsmannes aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts überRußlands skandinavische Politik nicht ohne Interesse hier gelesen werden.

Der Graf Rochus von Lynar, auf dessen Unterhandlungen in dänischem Staats-^>enst wir bald zurückkommen, schreibt im Jahre 1738: „Verständige Schweden'wtgen an, von dem entsetzlichen Widerwillen sich loszumachen, welcher bisjetztMischen beiden Völkern geherrscht hat. Sie erkennen, daß eine enge VerbindungMische» diesen beiden nordischen Kronen sie in ganz Europa in Achtung setzen wird.

sind der Meinung, die wachsende Macht Rußlands müßte beide ebenso nahe°"bi„de„, wie es mit England und Holland in Bezug auf Frankreich der Fall ist."