918 Die orientalische Frage.
Zwei Jahre spater sagt er in einer Denkschrift: „Schweden und Dänemark warenstets getrennt zu ihrem eigenen Schaden und zum Vortheil eines Dritten. Wolltendiese beiden Völker alle Eifersucht verbannen, ihre Herze» und ihre Kräfte vereinigen,und, ohne in fremde Anliegen sich zu mischen, nur ihre eigenen zurathe ziehen,um eine gemeinschaftliche Politik auszubilden, wurde dann nicht die Macht derbeiden bedeutend erhöht sein, würde» sie nicht zusammen das Baltische Meer undden ganzen Norden beherrschen?"
So ist es denn diesem Beobachter auch nicht entgangen, daß 1712 der Bauern-stand in Schweden den dänischen Kronprinzen zum Thronfolger gewählt hatte, und daßdiese Wahl, wäre sie von Dänemark mit hinlänglichem Eifer bei den andern Ständenbetrieben und nicht durch russischen Einfluß, nachdem die Wahl Peter Ulrich s vonHolstein sich zerschlagen, zu Gunsten eines andern gottorpischen Prinzen, AdolfFricdrich's, beseitigt worden, die Kalmarsche Union wieder herausgeführt habenwürde. Im Jahre 1810 werden wir dasselbe Verhältniß im Norden sich wieder-holen, einen Däncnköuig um die Thronfolge in Schweden sich bewerben, ihn gegendie Wahl seines Schwagers, des Herzogs von Augustcnburg, allen Einfluß auf-bieten, und Beide endlich einem Dritten, der die Krone nicht gesucht, diesmal einemfranzösischen Marschall, unterliegen sehen.
Die schleswig-holsteinische Lauschsachc.
Dies vorausgeschickt, gehen wir zu der Angelegenheit über, welche nicht alleinin die diplomatische» Verhandlungen unter Elisabeth, in den Umschwung russischerPolitik in Bezug auf Preußen, in die Ursachen von, Sturze Peter's III. und dieEntwürfe Katharina's tief verwickelt ist, sondern auch noch in die Gegenwart so weithineinreicht, daß sie Dänemarks Abhängigkeit besiegelt, hat und es erklären kann,wenn man die Däne» die Hand küssen sieht, die ihnen als drohend geballte Fauflden Verzicht auf Norwegen abgetrotzt hat.
Auf dem kieler Schloß war Peter Ulrich, der nachmalige Kaiser Peter UI., gc>boren (21. Febr. 1728); ebendaselbst ist seine Mutter, Anna Petrowna, Pclcr'ödes Großen Tochter und Großmutter des Kaisers Paul, wenige Monate spater, u»vim Jahre 17-11 sein Vater, der Herzog Karl Friedrich, gestorben. Dicsc Beziehn»'gen genügen, um die Besorgnisse anschaulich zu machen, mit welchen Däncnicmden Entschließungen Rußlands, betreffend die Zukunft der deutschen Herzogthüinc^entgegensah.
Im Besitze Schleswigs fühlte man sich nichts weniger als sicher. Es soli^'Friedrich IV. selbst Gewissensscrupcl aufgestiegen sein; auf die Frage, ob er Schü°'wig mit ruhigem Gewissen behalte» könne, soll sei» Beichtvater erwidert habt"'wenn er es mit ruhigem Gewisse» habe nehmen könne», so könne er es auchhalten. Dänemark suchte für den Besitz Schleswigs die Garantien fremderund war überglücklich, die von England nnd Frankreich (1720) erhalten zu h»^(Über die Bedeutung dieser Garantien, welche 18-18 von den Dänen angcrnfcn,wenn auch nicht von der englischen Regierung, so doch von Herrn D'Jsracli »gültig anerkannt worden sind, ist es kaum der Mühe werth, ein Wort zu vcrliss^Es ist ein selbstverstandener Satz des Völkerrechts, daß Garantie» den Rechten ei»Dritte» keinen Eintrag thun können. Daß aber die Garanten dieser Wahrheit siselber wohl bewußt gewesen, und daß sie das Recht als nicht auf dänischer Se>befindlich betrachtet haben, geht aus dem Umstand hervor, daß eben diese Ga>a» ^sich bcreitcrklären, zur Entschädigung des HcrzogS von Gotkorp (der somit)',rechtmäßiger Eigenthümer anerkannt wird) einen Beitrag zu geben. Wie dcrglcMlZusagen, hinter dem Rücken des Parlaments übernommen, mit der englische»^,'fassung sich vereinigen lassen, das ist eine Frage, die nicht hierhergehört. -für die europäische Lage bezeichnend ist der Eifer, mit welchem die englische-"^ ^rung das dänische Gelüste unterstützte, aus keinem andern Grunde, als weil Gcor^immer nur seine hannovcrschen Interessen vor Augen hatte. Da finden wir
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