Die orientalische Frage. 919
schon englische Kriegsschiffe in der Ostsee unter dänischer Flagge; es ward, sagtHojer, als eine Avilirung der britischen Flagge ausgerufen. Wiederum sind 1726britische mit dänischen Schiffen vereinigt, infolge der übernommenen Garantie fürSchleswig, weil die Zarin Katharina die Sache des Hcrzogö nicht preisgeben will,und damit man sehe, daß es nichts Neues unter der Sonne gibt, so bemerkt Hsjer:„Die Einspcrrung der russischen Macht zeigte aller Welt, was Niemand bisher glau-den konnte, daß eine gute Seemacht allerdings vermöge, die -arische Flotte im Fin-nischen Meerbusen einzuschließen und alle ihre Unternehmungen zu hindern."
Der Herzog Karl Friedrich sehte den immer sich wiederholenden Zudringlich-keiten die bestimmteste Weigerung entgegen. Noch im October 1735 ertheilte er eineAntwort, deren wesentlichen Inhalt wir einem gleichzeitigen Bericht (im Archiv zuWolfenbüttel) entnehmen: ihm werde eine Million Thaler für das Herzogthnm Schles-wig, und um Land und Leute auf ewig mit dem Nucken anzusehen und für sichund seine Nachkommen zu renuntnrcn, angeboten; nun aber hatten die Dänen, seit-dem sie der Herzogthümcr sich bemcistert, 17 Millionen daraus gezogen. Der Herzogwolle Ueber die äußerste Noch über sich ergehen lassen, als dergleichen gar zu un-glückselige Vorschläge jemals annehmen. Man darf glauben, daß Karl Friedrich,hätte er in unsern Tagen gelebt, die Verzichtlcistungsacte vom 30. Dec. 1852 nichtunterzeichnet haben würde. Unter den wenigen Ideen, welche den Gesichtskreis seinesSohnes Peter Ulrich ausfüllten, stand, nebe» der Bewunderung für Friedrich II.von Preußen, die Wicdererobcrung Schleswigs obenan. Je näher der junge Groß-fürst dem russischen Throne stand, desto mehr mußte Dänemark auf einen Kampfgefaßt sein, wenn es nicht gelang, auf diplomatischem Wege den Sturm im vorauszu beschwören.
Im Jahre 1750 ward der Graf Nochus Lynar mit dem Auftrag einer dahinabzielenden Unterhandlung nach Petersburg entsendet. Er findet den GrvßkanzlcrBesiuschew seinerseits bereit, die Sache zu unterstützen. Die Motive treten in Ly-nar's Berichten deutlich genug hervor. Besiuschew ist der Meinung, ein engesBündniß mit Dänemark sei durchaus im russischen Interesse; Lynar versteht es, dieseAnsicht auszubeuten; er läßt den Gedanken entstehen, daß Dänemark, falls es fürseme Wünsche bei Nußland kein Gehör finde, sich gemäßigt sehen werde, sich mitLchweden einzulassen; die Trennung der skandinavischen Mächte war aber von jehereine leitende Maxime russischer Staatsknnst. Besiuschew war ferner der Mei-nung, ein fremder Privatbcsitz des Thronfolgers könne für die russischen Interesse»nur störend wirken; noch mehr, die Persönlichkeit des Thronfolgers gab der Be-sorgnis; Naum, derselbe werde den Schweden, um ihren Beistand gegen Dänemarkzu erkaufen, die Rückgabe der ihnen durch Peter den Großen abgenommene» Pro-vinzen anbieten: ein Ergebniß, gegen welches an und für sich die allrussische Parteinicht viel einwenden würde. Die Kaiserin Elisabeth hatte einen gütlichen Vergleichmit Dänemark sich gern gefallen lassen; ihre, Indolenz ließ sie nicht zu einer klarenEinsicht der obschwebcnden Frage kommen. Über den Gegenstand der Unterhandlungwar sie gewohnt sich mit der äußersten Verachtung zu äußern: „Dies elende Holsteinund Kiel, das der Großfürst lieber hat als uns Alle zusammen", u. dcrgl. Einandermal sagte sie: „Der Amtmann Heinzcn sei immer ein jämmerlicher Patrongewesen, aber niemals habe ein Bericht ihr mehr Spaß gemacht, als wie Heinzeneine große Relation darüber aufgesetzt, daß nun die letzten zwanzig Kühe in Holsteinauch vollends mit Tode abgegangen seien."
Der eigentliche Widerstand lag in der Pcrsoir des Großfürsten-Thronfolgers,der übrigens doch eine Ahnung davon hatte, daß die europäischen Machte ihm, wenn" einst den russischen Thron würde innehaben, den gleichzeitigen Besitz eines andernKüstenstrichs an der Ostsee misgönnen würden. Seine Räthe, welche Lynar nebstÖligen russische» Staatsbeamten mit Geld gewonnen zu habe» glaubte, hatten denGroßfürsten schon fast umgestimmt, als dessen Gemahlin Katharina die ganze Unter-handlung scheitern machte. ES ist nicht ganz klar, was ihre Beweggründe gewesen;