Die italienische Literatur. 107
des Stils, hatte auch dasselbe Schicksal: beide Gedichte fanden kurz nach ihrem Erscheineneinige Leser, um alsdann, mehr als sie verdienten, der Vergessenheit anheimzufallen.
Nicht besser erging es dem Epos „^msrizo Vsspuoai" der FlorentinerinMassimina Rosellini-Fantastici, vortheilhafter bekannt durch ihre kleinen Lustspiele fürdie Jugend. Dennoch muß man den Muth dieser Frau bewundern, die sich an einenStoff machte, für welchen selbst das Genie eines Alessandro Tassoni nicht ausreichte,der denselben Gegenstand zu bearbeiten anfing, doch nicht vollendete. Aber auch Colum-bus fand in neuester Zeit seinen Dichter in Lorenzo Costa aus Genua. Sein Gedichtzeichnet sich durch Adel der Gedanken und eine gewisse Kraft des Stils aus, hataber doch weder alle Eigenschaften noch den Umfang, welcher von einem wahrenEpoS verlangt wirb.
Wenn die Arkadier' in ihren epischen Versuchen nicht glücklich waren, so warendoch die Romantiker noch unglücklicher darin. Als ihren ersten, vorzüglichsten undvielleicht einzigen Dichter in dieser Gattung erkennen sie Tvmmaso Grossi an wegenseines Epos „I Uombarcli alla prima Lrooista", welches zum Theil denselben Stoffbehandelt wie Tasso's gefeierte „Csrusalswms lidorsta". Wenn Grossi, ein Mannvon bescheidenem Charakter, auch den Ehrgeiz nicht hatte, den Ruhm Tasso's zuverdunkeln, so gaben doch seine maßlosen Bewunderer und Lobredner Anlaß, daß manihn dessen beschuldigte. Denn ihren Urtheilen nach hatte Grossi erst den wahren WegHeldengedichte zu schreiben gefunden, Heldengedichte ohne Maschinerie, d. h. ohneübernatürliche Erscheinungen, ohne Zauberwesen, Teufelsspuk, geflügelte Genien undandere kindische und monströse Wahngebilde.- Trotz dieser und ähnlicher Raisomiementsist aber Tasso's „Jerusalem" aus dem Kampfe gegen das schlimme Geschick, wel-ches ihr von Pedanten und Tyrannen bereitet wurde, siegreich hervorgegangen unddas einzige Heldengedicht geblieben, welches Italien der „Jliade" und „Aneide" entgegen-stellen könnte, während dagegen Grossi's „ bombarüi", obgleich bis in den Himmelerhoben, zum Beweise dienen können, daß ein Epos ohne den Gebrauch der über-natürlichen Gewalten, wodurch es erst den dem Heldengedicht wesentlichen Charakterdes Wunderbaren und der Dichter Gelegenheit erhält, eine wohlangelegte Handlunggut zu schürzen, zu entwickeln und endlich zu lösen — eine aus die Länge nicht er-trägliche Lectüre bleibt. Beispiele davon waren schon bei den Alten Lucan's „ kkar-salia" und noch früher der „8oipio" des Ennius gewesen. Zu leugnen ist indessennicht, daß das Gedicht Grossi's, den vielleicht seine rührende Novelle in Versen„Illlsgonäa" von einer vortheilhaftern Seite zeigt, schöne und habmonische Octavenenthält, welche den Beweis liefern, daß es ihm und Andern seiner Schule keineswegsan Talent, wol aber an gutem und richtig geleitetem Studium fehlte. Was sollman aber zu dem neuerdings erschienenen Epos, „kotlolko" von Giovanni Pratisagen? Wenn man die Seltsamkeit personificiren könnte, so müßte man sagen, daßsie ihren Thron in diesem Gedichte aufgeschlagen hat. Man kann den „koüollo"weder zu den epischen Gedichten noch zu irgendeiner andern bekannten Gattung derPoesie rechnen.
o) Die Dramatik.
Die dramatische Dichtkunst ist es, an welcher die Schicksale und Veränderun-gen der italienischen Literatur vielleicht am deutlichsten erkannt werden können.
Was zunächst die Tragödie betrifft, welche Vittorio Alfieri auf eine Stufe derVollkommenheit erhoben hatte, daß sie der griechischen an die Seite gesetzt werdenkonnte, so behielt dieselbe bis aus die neueste Zeit ihre classische Form bei, und zwarbesonders durch die ausgezeichneten Leistungen Monti's, dessen Tragödien „Lristo-üsino", „tirsooo" und „6slsc>ttc> Uankrelli" hoch berühmt sind. Zwar tadelteman an denselben mit Recht den zu blumenreichen Stil, den zu deklamatorischen Dialogund jenen Reichthum an Sentenzen, aus denen mehr der Verfasser spricht als diehandelnde Person, der sie in den Mund gelegt sind. Trotz dieser Fehler aber wer-den Monti's Tragödien nächst denen Alfieri's die schönsten unserer Bühne bleiben.