Band 
Zwöflter Band.
Seite
219
JPEG-Download
 

219

Deutsche Literatur im Auslande.

tät, Schwung und Plastik. Die Zeit der Subjectivität, des Selbstbetrachtens, derSkepsis, des Zerlegens und Auslcgens begann; man warf sich auf innere Angelegen-heiten, auf die religiöse Frage. Man wollte innerlich frei und von äußerlichen Satzun-gen unabhängig sein; man wollte seinem Gewissen nichts vorschreiben lassen, und esist dies eine Bewegung, die bis auf unsere Tage hinunterreicht. Die Misbräucheder vielfach verunstalteten katholischen Kirche waren zu schreiend; die religiöse Reform be-gann und nahm von Deutschland ihren Ausgang. Dies war eine weltgeschichtliche That,durch welche Deutschland an die Spitze der Völker trat. Das kleine Wittcnbergtriumphirle über das mächtige Rom und sah selbst Gesandtschaften großer auswärti-ger Staaten, wie die Heinrichs VIII., in seinen Mauern. Luther wurde durch eineneinzigen entschiedenen Schritt der Heros seiner Zeit und erfüllte die Welt mit seinemNamen. Die germanischen Stämme schlössen sich der deutschprotestantischen Bewe-gung zum größten Theile an, und selbst die slawischen und romanischen Länderblieben von ihr nicht, unberührt. Was Peter der Große in Rußland schuf undFrankreich später auf politischem und socialem Gebiete vollbrachte, wäre ohne dieseBewegung nicht möglich gewesen; und trotz aller gewaltsamen Gegenmittel, trotz Concor-date und Bücherverbote, trotz Inquisitionen und Auto da Fes sehen wir die Autorität desPapstthums selbst in den Ländern gebrochen oder doch geschwächt, wo es früher die größteGeltung behauptete. Die in Bezug auf politische, sociale und kommerzielle Freiheitvorgeschrittensten Völker aber sind protestantisch. Hierzu hat Deutschland die Initia-tive gegeben, und sein Einfluß nach dieser Richtung hin war wahrhaft unermeßlich.Die religiöse Reform und die Erfindung des Bücherdrucks als des Allgemeinmittels,Bildung und Aufklärung unter dem Volke zu verbreiten, und als des wirksamstenintellectuellen Communicationsmitkels zwischen den verschiedenen Völkern würden alleinhinreichen, der deutschen Nation in der Weltgeschichte einen hohen, ja wir sagenes dreist, den obersten Rang anzuweisen. Mit Recht nannte die „Lllinburgk rsvisw"im Jahre 1827 die Erfindung des Schießpulvers, des Bücherdrucks und die religiöseReform die „Anest elsments »c möllern Civilisation". Hierzu kamen die physikali-schen und astronomischen, die Kenntniß des Universums revolutionirenden Entdeckun-gen Kepler's und Kopernicus'; denn auch Letzterer war, wenn auch in einer unterpolnischer Herrschaft stehenden Stadt geboren, doch wenigstens von der einen Seitevon deutscher Abstammung, jedenfalls aber von deutscher Bildung.

Aber die Völker sind vergeßlich und undankbar, und so vergaßen sie auch dieunendlichen Dienste, welche die deutsche Nation der Humanität, der Bildung unddem Fortschritt geleistet, weil sie allerdings bald nach der Reformation in politischeOhnmacht und geistige Stagnation versank. Die Theologen fielen vom Geiste derReformatoren ab, zankten sich um Buchstaben und verknöcherten mehr und mehr;die poetische Produktion war, namentlich seit Verfall des Kirchenliedes und der hu-moristischen Dichtung, nicht bedeutend oder nicht bedeutend genug, um das Auslandzu reizen, sich mit ihr bekannt zu machen; die Kunst sank auf Null, oder verfielWie die Poesie in plumpe oder pedantische Nachahmung ausländischer Vorbilder, undzwar gerade der geschmacklosesten; Philosophie gab es, bis auf Leibniz, keine; derErfindungsgeist lag brach; stoffreiche gelehrte Werke wurden in Deutschland wol nochgeschrieben, aber sie waren geist- und geschmacklos und der Form nach vollkommenungenießbar; Pedanterie (Stockgelehrthcit), Roheit und garstige Klopffechterei mach-ten die deutsche Literatur zum Spott aller gebildetern Völker. Die „LllioburZt! rsvisw"sagte im Jahre 1814 in einer Anzeige des Buches der Stael über Deutschland mitRecht: „Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts bot Deutschland in einem wichtigenPunkte unter den christlichen Völkern ein absonderliches Schauspiel. Es hatte inEuropa einen hohen Rang eingenommen durch Entdeckungen und Institutionen, durchWissen, durch abstrakte Speculation sowol als durch positive Kenntnisse, durch krie-gerischen Geist und durch Kriegskunde, und vor allem durch die religiöse Reform,welche in dem einen Theile Europas die Vernunft befreite und im andern die Ketten,in denen daS Gewissen schmachtete, mehr oder weniger löste. Aber Deutschland hatte