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Zwöflter Band.
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276 Deutsche Literatur im Auslande.

moralischen und intellectuellen Fortschritt des Menschengeschlechts von dessen Beginnan dargelegt habe. Bis zu Hegel hinauf sei dann diese Wissenschaft in Deutschlandweiter ausgebaut und gegipfelt worden.

Aus derselben Quelle, aus welcher diese im Ganzen unter den Briten vorwal-tende Abneigung gegen die deutsche philosophische Speculation, möge sie sich nun alseigene Wissenschaft geben oder andern Wissenschaften als Ausgangs - ober Endpunktdienen, hervorging und immer noch- hervorgeht, stammt wol auch ihre Sprödigkeitund Gleichgültigkeit gegen die deutsche speculative Ästhetik und die blos auf ästheti-scher Grundlage ruhenäe Kritik. Nur mit Lessing machen sie eine Ausnahme, ein-mal weil die von ihm im „Laokoon" aufgestellten Grenzbestimmungen zwischen denverschiedenen Künsten für die Ausübung dieser Künste selbst ihren Nutzen haben undsich praktisch anwenden lassen, sodann weil er seine Sähe in einen klaren, verständ-lichen, der englischen Schreibweise verwandten Stil zu fassen wußte. Es sind zwargerade in der letzten,, Zeit einige englische Schriften erschienen, welche sich mit denHähern Fragen der Ästhetik beschäftigen und den Einfluß verwandter deutscher For-schungen verrathen, aber sie haben wenig Anklang und keine Nachfolge gefunden.Die Frage, was Schönheit eigentlich sei, kümmert den Briten im Ganzen sehr wenig.Ohnehin hat er seiner nationalen Änlage nach für das Ideal-Schöne wenig Sinn;das Naturwahre, Prall-Lebendige und Charakteristische zieht ihn mehr an als dasblos Schöne; ja er wird selbst das Bizarre, wenn es nur charakteristisch ist, demcharakterlos Schönen vorziehen. Wie,es hiernach scheint, würde ihm einiger Unter-richt in den Gegenständen der Hähern Ästhetik gutthun. Äber der Brite ist ein prakti-scher Mann, er erwartet einen Fortschritt in dieser Hinsicht mehr von dem Änblickund dem unausgesetzten Studium schöner Kunstwerke als twn irgendeiner philoso-phischen Definition des Schönen; er weist auf Deutschland hin und sagt: alle De-finitionen des Schönen und alle ästhetischen Vorschriften haben die deutsche Poesienicht vor den ungeheuerlichsten Verirrungen, vor den abscheulichsten Formlosigkeiten,vor den unerträglichsten Verstößen gegen Schönheit und Wahrheit zu schützen ver-mocht; Dichtungen, in denen die Schönheit rein und ungebrochen zur Erscheinungkäme, sind auch in Deutschland sehr selten, und die deutsche Ästhetik ist wie diedeutsche Philosophie eine theoretische Wissenschaft, die sich hoffärthig in sich selbst abschließt und keinen praktischen Einfluß hat. An der deutschen literarischen Kritik miSbehagtihm im Allgemeinen der häufig blos raisonnirende, schulmeisterlich dockende Ton unddie Abwesenheit alles ethisch-praktischen Elements; daher nimmt er auch auf sie wenigRücksicht, obschon er Ausnahmen gelten läßt. Das Cliquen- und Coteriewesen, wiees in England allerdings vor etwa 28 oder 30 Jahren auch bestand, jetzt aber ver-schwunden oder doch im Verschwinden ist, und das Verunreinigen der literarischenKritik mit persönlichen Antipathien und gewaltsam hereingezogenen politischen Partei-standpunkten sind ihm zuwider; denn er liebt als praktischer Mann die fachliche in-structive Kritik, die von der Person und von persönlichen Privatstellungen des Autorsabsieht. Zwar galt Wolfgang Menzel, dessen Literaturgeschichte von Felton und außer-dem noch von Gordon ins Englische übersetzt wurde, eine zeitlang auch in Eng-land als- eine Art Autorität, wenigstens bei Denen, welche sich in ihren Vorurthei-len gegen Deutschland und einzelne deutsche Autoren und Dichter durch seine theilsfrischen, theils kecken, immer aber in einem klaren beredten Stil vorgetragenenAssertionen unterstützt fanden, sodaß man sagen kann, daß seine Raisonnements inEngland manchen Schaden gestiftet haben; aber auch in England ist Menzel's Zeitjetzt vorbei und man kehrt wieder zu Lesstng's gesunden und festen Principien zurück.Nur in einer Gattung der Kritik nehmen die Engländer gern von den DeutschenBelehrung an, in der Kunstkritik, in der sie willig die Überlegenheit deutscher Kunst-forscher anerkennen. Doch findet in England auch auf diesem Gebiete nur diejenigeRichtung Anerkennung, welche wirklich instructiv ist und sich auf dem praktische«Boden der Kunstgeschichte und im Anschluß an die Kunstwerke selbst, nicht in denHähern, aber zuweilen etwas nebeligen Regionen der speculativen Kunstästhetik ent-