280 Deutsche Literatur im Auslande.
denen Lessing obenan stehe, sei die deutsche Literatur in Bczug aus die Prosa unterallen Literaturen die stümperhafteste geblieben u. st w. Den Borwurst daß die Deut-schen keine gute klare Prosa zu schreiben wüßten, müssen wir übrigens öfter hören.„Die Deutschen können denken gleich Niesen", sagte einmal ein Engländer, „aber siekönnen nicht schreiben." Auch spricht man den Deutschen gern Witz und Espritab, wie denn das „barschn quortsrl^ rsvisrv" einmal eine Anzeige über Detmold's„Randbemerkungen" mit den Worten begann: „Wunderbar, hier ist ein Buch, sehrdünn und sehr witzig und doch ein deutsches Buch." Als ob die Engländer den„Reineke Fuchs" und den „Baron Münchhausen" und „Tyll Eulenspiegel" und an-dere epochemachende witzige Volksbücher nicht den Deutschen verdankten!
Indessen wollen wir uns über solche kleine Sottisen trösten, wenn dieselbe Revueuns ein andermal mit dem Ausspruch beehrte: „Die Deutschen sind die wahrenPriester der Literatur!" wenn das „Lüinburgü rsviorv" versicherte, „daß dieDeutschen nicht blos Witz, sondern noch etwas mehr als Witz haben könnten, unddaß vier Fünftel aller wahren Volksliteratur des 16. und 17. Jahrhunderts in Eu-ropa aus Deutschland stammte"; wenn wir sehen, was Walter Scott, Coleridge,Shelley, selbst Byron von den Deutschen gelernt .haben; wenn Bulwer seinen„Maltravers" aus Dankbarkeit und Bewunderung dem deutschen Volke als einem„Volke von Denkern" widmete; wenn Charlotte Norton kurzweg behauptet, daß diedeutsche Literatur unter allen Literaturen jetzt die erste und die deutsche Nation über-haupt die achtungswürdigste sei; wenn Charles Dickens noch im Mannesalter be-schloß deutsch zu lernen und einen seiner Söhne nach Leipzig gehen ließ, wo derselbe(Charles Dickens jnn.) auch durch einen englischen Commentar zu Schiller'schenDramen bereits ein Zeugniß seiner in der deutschen Sprache erlangten Fortschritteabgelegt hat; wenn wir sehen, wie ein gelehrter Engländer, aus Huldigung fürseinen Lehrer Grimm, eine linguistische Arbeit in deutscher Sprache verfaßt, und einSchotte sich hinsetzt, um mit großer Mühe schottische Volkslieder ins Deutsche zuübertragen! Doch es bedarf ja der Anführung dieser hier zusammengestellten immer-hin frappanten Einzelheiten nicht, die vorangegangene Übersicht, die, wie schon be-merkt, nicht einmal eine vollständige ist, noch sein konnte, wird jeden Leser überzeugen,in welcher Fülle und Breite, einige Lücken abgerechnet, sich die deutsche Literatur indas englische Geistes - und Literaturleben bereits eingesenkt hat. Diese fortwährendsteigende Theilnahme für deutsche Literatur, Kunst und Wissenschaft hat in letztererZeit die deutsche Buchhandlung von Williams und Norgate in London veranlaßt, einZweigetablissement in Edinburg zu errichten, während auch eine andere englische Buch-handlung, Robert Seton, sich schon seit längerer Zeit mit dem Vertriebe deutscherBücher beschäftigt. Auch daß die große Verlagshandlung von Chambers und Comp.in Übereinstimmung mit der deutschen Verlagshandlung soeben eine englische Bear-beitung des Brockhaus'schen „Conversations-Lexikon" vorbereitet, kann als ein hervor-tretendes Zeichen dieser immer noch zunehmenden Beachtung und Benutzung deut-scher Literaturbestrebungen angesehen werden. Hierzu trugen in den letzten De-cennien zwei äußere Umstände bei: das Ehebündniß der Königin mit einem deut-schen Prinzen und die an sich so beklagenswerthe Emigration politischer Flücht-linge nach England. Manche derselben schreiben an englischen Blättern, mancheübersetzen oder helfen an Übersetzungen mitarbeiten, manche ertheilen deutschen Unter-richt oder halten öffentliche Vorlesungen über Gegenstände deutscher Wissenschaft undLiteratur, ja Rüge hat sogar in seiner Weise die Briten durch sein Werk „dlovEsrimmv" über Deutschland aufzuklären gesucht. Indessen gibt es unter den Eng-ländern, und zwar gerade unter den zumeist gebildeten, noch sehr viele, denen dasalte Deutschland lieber ist als Jung-Deutschland, und so hat diese Emigration inmancher Hinsicht vielleicht auch wieder einen ungünstigen Einfluß gehabt, indem esihren Mitgliedern oft gar nicht darauf ankommt, Ansichten, Institutionen oder Vor-urtheile, welche den Engländern einmal liebgeworden sind, durch schroffen und un-zeitigen Widerspruch zu verletzen. Die systematische Opposition, die von dieser Seite