Brasilien und Südamerika. 29L
weilen des Hofes zu Rio de Janeiro, ohne den lange und ununterbrochen andauerndenAufenthalt eines Sprossen des Hauses Braganza in Brasilien, wäre wol die ehe-malige, eine so große Ländermasse umfassende Colonie ebenfalls in mehre sich bekrie-gende Republiken zerfallen, gleichwie es mit den spanischen Colonien ergangen. DieErhebung Brasiliens zu einem Königreiche im Jahre 1813, woraus dem Mutter-lande manche Nachtheile erwuchsen, das Gefühl, von Fremden und sogar als Colonieregiert zu werden, haben der liberalen Strömung überreiche Nahrung gegeben. Diespanische Cortesverfasstmg ward zu Oporto, zu Lissabon ausgerufen, und Portugalund Brasilien zu einem geeinigten Reiche erhoben. In Lissabon sollten sich dieAbgeordneten der beiden Länder versammeln. König Johann VI. kehrte 1821 nachEuropa zurück — er wußte zurückkehren. Beim Abschiede sprach er zu seinem SohneDom Pedro, welcher in Rio de Janeiro als Statthalter zurückgelassen wurde, folgendedenkwürdige Worte: „Pedro du weißt, der Sinn dieses Reichs geht auf Unabhän-gigkeit. Will irgendein Abenteurer auf diesen Grund hin sich die Krone Brasi-liens aufs Haupt setzen, komme ihm zuvor. Stelle dich selbst an die Spitze derBewegung, suche sie zu beherrschen und thue, was die Umstände gebieten." DomPedro hat der Mahnung des Vaters Folge geleistet.
Der portugiesische Kronprinz und brasilische Statthalter war aber keineswegsMann genug, die äußerst schwierige Lage zu beherrschen und einem bewußten Zieleentgegenzuführen. Sein ewiges Schwanken zwischen den durch äußere Bedingniffegebotenen freisinnigen Institutionen und dem angeborenen, wilden despotischen Gelüstewandte im Laufe weniger. Jahre alle Parteien von ihm ab. Er mußte endlich dasLand, welches ihm bei alledem viel verdankt, verlassen und eine neue Stätte sichzu erobern suchen. Die Zustände waren freilich von gar peinlicher und gefährlicherArt. Die portugiesischen Großen und die Eingeborenen des neuen Königreichs Bra-silien verfolgten sich mit dem ganzen Haffe des Südens. Dom Pedro suchte eineAussöhnung zustande zu bringen. Vergebens! Die Reden und Beschlüsse in denzu Lissabon versammelten Cörtcs mehrten überdies die Zwietracht. Die Abgeordne-ten Brasiliens waren gewählt, die Grundsätze der neuen durch die militärischen Aus-stände geschaffenen Constitution beschworen und mehre Deputirte bereits nach Europaabgegangen, als man zu Rio de Janeiro von wiederholten feindseligen Beschlüssen derCortes gegen Brasilien Kunde erhielt. Das Reich sollte wieder, hiervon zeugtenalle Maßnahmen, alle Vorgänge, in das ehemalige Colonialverhä'ltniß herabgedrücktwerden. Die Centralanstalten zu Rio de Janeiro wurden aufgehoben. Die einzelnenProvinzen Brasiliens sollten von Statthaltern regiert werden, welche, von den Be-hörden der Hauptstadt unabhängig, aus Lissabon ihre Ernennung erhielten. End-lich beliebten die Cortes zu bestimme», Dom Pedro solle nach Europa zurückkehren,einige Jahre England, Frankreich und Spanien bereisen, um, wie man vorgab,in jenen Reichen eine constitutionelle Erziehung zu erhalten. Solche und ähnlicheAnordnungen mußten natürlich bei der brasilischen Partei große Unzufriedenheit erre-gen. Früher schon war diese Partei wegen der geringen Anzahl der Deputirte»,welche Brasilien, stellen durfte, beleidigt worden. Portugal hatte 130, Brasilienblos 60 Abgeordnete zuertheilt erhalten, wovon überdies kaum 30 an der BerathungAntheil nahmen oder nehmen konnten. Daß von Portugal und dessen Vertreternfür Brasilien nichts zu hoffen, sprachen die Brasilier jetzt offen aus, und dieseÜberzeugung ward die herrschende im Lande. Der geringste und ärmste Portugiese,
sagte man, sieht auf den tüchtigsten und reichsten Brasilier wie aus einen Uneben-
bürtigen, einen Unterthan herab. Die Portugiesen wollen, wie in frühern Zeiten,leben und prassen von den Früchten unsers Landes, von den Früchten unserer Ar-beit. Was geht uns Portugal an? Von dort ist uns blos Schmach und Unter-
drückung gekommen. Wir müssen, wir können uns selbst helfen!
Diese Überzeugung erhielt zuerst in Santa-Paulo, der Hauptstadt der gleich-namigen Provinz, ihren thatsächlichen Ausdruck. Der Vicepräsident der Provinssal-
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