295
Brasilien und Südamerika.
das geworbene Militär neigte sich zum Abfalle; es war sogar zum großen Theileschon abgefallen. Dem Kaiser blieb seht nichts übrig, als seine Abdankung zu un-terzeichnen. Sie erfolgte am 2. April 1831 zu Gunsten seines fünfjährigen SohnesDom Pedro de Alcantara (geb. am 2. Dec. 1823). Durch einen Erlaß vom6. April 1831 ernannte der Kaiser zum Vormund dieses Sohnes und seiner dreiübrige» Kinder denselben Jose Bonifacio de Andrada e Silva, den er früher seinerselbständigen liberalen Gesinnung wegen in die Verbannung geschickt hatte.
Der Kampf der Parteien ward durch Pedro's Entfernung noch mehr gestei-gert, und diese Parteien standen sich fortan im Verlaufe der ganzen folgenden Ge-schichte feindlich gegenüber. Die Einen sind und waren entschiedene Republikaner,welche eine Verfassung nach dem Muster der Vereinigten Staaten einführen wollen;die andern Monarchisten, zum Theil auch abwartende Republikaner, die das Volkfür untauglich erklären, jetzt schon die Selbstregierung zu übernehmen. Erst müßtees durch eine wahrhaft constitutionelle, auf liberalen Grundgesetzen beruhende Monar-chie dazu herangebildet werden. Ist dies geschehen, so würden auch sie zur republi-kanischen Regicrungssorm die Hand bieten. Diese gemäßigte und in Betracht der Um-stände vernünftige Ansicht hat mitten unter allen den Wirren und Bürgerkriegen,damals und bis auf den heutigen Tag, den Sieg davongetragen. Die zu Rio deJaneiro tagenden Abgeordneten ernannten eine Regentschaft von drei Mitgliedern:General Francesco de Lima, die Doctoren Costa Carvalho und Braulio Moniz, wel-chen während der Minderjährigkeit Pedro's II. die vollziehende Gewalt zustehen sollte.Bonifacio de Andrada war, wie schon bemerkt, von dem abreisenden Kaiser zumVormund und Erzieher des jungen Fürsten erhoben worden, eine Wahl, welche dieRegentschaft bestätigte. Indessen kam eine stetige, nur das Volkswohl beachtendeRegierung niemals zustande. Die Parteien mehrten und spalteten sich, und nebenden Republikanern und Monarchisten entstanden noch die Föderalisten und Unionisten.Diese erstrebten eine centralisirte Monarchie im strengern europäischen Sinne; jene,welche vorzüglich' in den südlichen Provinzen,, an den Grenzen der südanierikanischenRepubliken, ihren Sitz hatten, wollten eine Staatenconföderation, an deren Spitzeder Monarch gleichsam als erblicher Präsident gestellt werden sollte. Die nachRacen und gesellschaftlicher Stellung getrennte, über das ganze Reich dünn zer-streute Bevölkerung von fünf bis sechs Millionen ermangelt der Bildung und Ein-sicht. Ihren hervorragenden Männern, den de Andrada, den Feijo, Lima, Vascon-cellos, Pereira und Andern, fehlten aber die Tugenden der Entsagung und des Pa-triotismus jener großen Angelsachsen, welche im Norden Amerikas den mächtigenSkaatenbnnd begründeten. Persönlicher Ehrgeiz und Habsucht waren und sind ge-wöhnlich die Triebfedern der Minister und Beamten, und je nachdem sie ihreRechnung dabei fanden, schlugen sie sich bald zu dieser, bald zu jener Partei.Nicht ein einziger reiner Charakter, gleichwie Washington und Franklin, ist inder ganzen großen romanischen Welt Amerikas entstanden. Um selbstsüchtigeZwecke zu erreichen, greifen sie zu Meutereien und Aufständen. Die Folge hiervonwar auch in Brasilien eine Reihe der blutigsten Bürgerkriege und der scheußlichstenMordscenen, die sich mit geringer Unterbrechung über ein volles Jahrzehnd hinziehen.Viele Änderungen in der Reichsverfassung wurden vorgenommen, und nach wenigenJahren wieder aufgegeben. Neue Parteien oder neue Namen für alte entstanden,wie die nach den Wohnorten der Häupter genannten Saquarema und Santa-Luzia,die Tones und Whigs des brasilischen Reichs, welche die frühern gangbaren Namenverdrängten. Die Santa-Luzia sind manchmal radicaler Färbung und ergeben sichrepublikanischen Bestrebungen. In dem andauernden Gewirre thaten die Santa-Luzia einen kühnen Griff. Mittels einer parlamentarischen Revolution im Jahre1841 erklärten sie den 15jährigen Pedro II. für mündig. Sie wollten nämlich inseinem Namen die Regierung führen, was ihnen auch gelang. Drei Jahre später,am 30. Mai 1843, verheirateten sie den jungen Kaiser mit der neapolitanischenPrinzessin Therese Christina Maria. Die älteste Tochter aus dieser Ehe, Jsabella