Brasilien und Südamerika. 30b.
Ayacucho, verloren das Leben in solch tückischer Weise; die Missethäter, welche dochwol hätten aufgesnnden werden können, wurden nicht vor Gericht gestellt. DerGeneral Jose Maria Obando, welcher nach Santander als Candidat zur Prä-sidentschaft auftrat, ward selbst von der öffentlichen Stimme als Anstifter der Er-mordung Sucres bezeichnet.
Obando und seine Partei mußten aber dem Candidaten ihrer Gegner, demvr. Jose Jgnatio de Marquez, unterliegen. Marquez wurde durch eine bedeutendeMehrheit zum Präsidentensitz erhoben. Wo sollten sie, die spanischen Amerikaner,jene Bürgerkugend gelernt haben, um sich dem ersten Gesetze eines Freistaates, demaus den Wahlen hervorgehenden Volkswillen, zu fügen? Obando griff zu den Waffenund schnell loderte der Bürgerkrieg auf in allen Provinzen. Von beiden Parteienwurden die grausamsten Mordthaten verübt; es war kein Menschenkampf mehr, son-dern ein Streit wilder Thiere, unwürdig der Aufmerksamkeit des Denkenden. Erstim Jahre 1841 konnte die gesetzliche Behörde die Jnsurrection bewältigen. Um dieseZeit ging die Präsidentschaft des Dr. Marquez zu Ende. Ihm folgten nach-einander zwei Männer ähnlicher conservativer Gesinnung, Herran und Mosqucra,Beide ehemals Generale unter Bolivar bis zum Jahre 1849. Man nennt dieseMänner zu Neugranada conservativ; sie huldigen aber in Wahrheit derart demFortschritt, wie kaum die Freisinnigen anderer Länder. Hiervon zeugt die letzte Bot-schaft Mosquera's bei seinem Abtreten von der Präsidentschaft, wo er Rechenschaftvon seiner Verwaltung ablegt. „Dem Gesetze gemäß", sagt der Präsident, „wardder öffentliche Unterricht in aller Weise gefördert und freigegeben. Drei neue Er-ziehungsanstalten für das weibliche Geschlecht wurden errichtet, die Schulen in denProvinzen neu geordnet, mehre Primärschulen, dann eine Militär- und eine nau-tische Schule gegründet. Die Bibliothek der Staatsuniversikät erhielt eine Mehrungvon 5000 Bänden, sowie alle die nothwendigen Instrumente für den physikalischenUnterricht. In allen Zweigen der Erziehung sind die Vereinigten Staaten unserMusterbild. Gemäß dem Friedens- und Freundschaftsvertrage mit dieser Republik,welcher von uns am 16. Aug. 1847 promulgirt wurde, ist ein Toleranzgesetz erlassenworden. Infolge hiervon werden manche andere Anordnungen nothwendig sein.Beschränkung des kirchlichen Patronats, Minderung des Soldes der Geistlichen, Be-seitigung aller Sonderrechte der Mönchs- und anderer geistlicher Orden. Sie mögenblos als moralische Korporationen anerkannt, hingegen aller bürgerlichen und politischenRechte entkleidet werden. Die Vereinigung der geistlichen und politischen Functionenin einer Person steht im Widerspruch mit unserer demokratischen Konstitution. Wirleben nicht mehr in jenen Jahrhunderten der Finsterniß, wo Thron und Altar gegenbas Volk, gegen Bildung und Wissenschaft jeder Art sich verbunden haben, umgegenseitig ihre Willkürmacht zu behaupten. Solche unglückselige Zeiten werdenimmer zurückkehren."
Die liberale Fortschrittspartei, oder richtiger, die Nadicalen stellten jetzt, beider Abtretung Mosquera's, von neuem einen Candidaten, den General Lopez, auf,und setzten auch seine Wahl nicht ohne Gewaltthätigkeit durch. Lopez ward am7. März 1849 vom Kongreß zum Präsidenten gewählt, und derselbe suchte nun imVerein mit den Liberalen mittels mehrfacher tief eingreifender Anordnungen die ge-meinsam errungene Macht für alle Zeiten zu befestigen. Regierung für und mitden Massen war ihr Wahlspruch; der Einfluß der Soldaten, der Geistlichkeit undanderer von der Arbeit des Volks lebender Classen müßte gebrochen, womöglich ganzbeseitigt werden. Sie erklärten, in Betreff der Erziehung, der Volksbildung undnach allen Seiten hin dem unbedingten Fortschritt huldigen zu wollen. Neugranadasollte das Musterbild eines Staats im 19. Jahrhundert werden. Rasch griffen siezu den geeigneten Mitteln, zu rasch, wie es sich später zeigte. Die Jesuiten, welcheseit 1845 wieder Zutritt im Lande erhalten hatten, wurden 1850 von neuem aus-gewiesen, die Todesstrafe ward für politische Verbrechen abgeschafft, unbedingte Frei-Die Gegenwart. Xll. 20