3!6
Brasilien und Südamerika,
(1849) durch ein Gesetz, Espcra oder Aufschub genannt, in ihren Interessen beein-trächtigt wurden. Nach diesem Gesetze, oder besser, nach jener Willkür sind dieSchuldner in Venezuela ihrer Verpflichtungen gegen ihre auswärtigen Gläubiger auflängere Zeit überhoben. Sie haben bald drei, bald sechs, bald neun Jahre Zeit,um ihre Schulden zu bezahlen, und brauchen während dieses Zeitraums keine Inter-essen zu entrichten. England, Frankreich, Spanien, die Vereinigten Staaten, Hol-land, Dänemark, Preußen und Hamburg, welche sämmlich Verträge mit der Re-publik geschlossen hatten, protestirten, und Venezuela mußte, von der ganzen europäi-schen Seemacht bedroht, nachgeben. Lord Palmerston, weicher gegen alle kleinernStaaten -in einer herausfodernden gewaltsamen Weise auftritt, aber Freund und Gön-ner ist jedes mächtigen Absolutismus, handelte hier wiederum nach seiner Gewohnheit,sodaß der ganze Congreß zu Caracas hierüber die tiefste Empörung fühlte. „Ichweiß es wohl", sprach ein Deputirter, Monzon, „wenn ein armer Consul aus Vene-zuela solch eine Sprache in London führen würde, so dürste er keine Nacht mehr aufenglischem Boden verweilen. So hätte auch mit dem englische» Agenten verfahrenwerden sollen. Es ist Zeit, daß man diese europäische Anmaßung in die gehörigenSchranken zurückweise. Der Ruhm und die Unabhängigkeit Südamerikas stützt sichauf die Großthaten Bolivar's. Er verstand es, unsere Selbständigkeit zu wahren.Ein anderer Mann ist jetzt erstanden, der auf dem Wege Bolivar's fortschreitet undden man dessenungeachtet mit Vorwürfen überhäuft. Es ist dies der General Rosasvon Buenos-Ayres. Die Nachwelt wird ihm Gerechtigkeit widerfahren lasset,.Buenos-Ayres hatte allen Gefahren, hat der ganzen europäischen Kriegsmacht wi-derstanden; es blieb fest und unabhängig. Ich bin stolz daraus." Eine Abtheilungder liberalen Partei zu Venezuela, gleichwie in andern südamerikanischen Staaten,scheint sich bewußt zu sein, daß sie einer kräftigen, wenn auch mitunter despotischenund grausamen Regierung bedarf, um ihre zahlreichen Gegner niederzuhalten und dasvorgesteckte Ziel zu erreichen. Sie wünscht sich, wie Macchiavelli, einen Fürsten,nicht des Despotismus wegen, sondern damit er durch Willkürherrschaft in denStand gesetzt sei, die innern und äußern Feinde niederzuschlagen, die Nationalun-abhängigkeit-zu begründen und zu erhalten, und zwar nicht blos gegen die europäi-schen Mächte, sondern vorzüglich auch gegen die Vereinigten Staaten. Wir werdendiesem Bestreben noch anderwärts begegnen im Lause unserer Darstellung.
Um den europäischen Anfvderungen und Anmaßungen mit größerer Entschieden-heit entgegentreten zu können, suchte sich Venezuela damals mit den VereinigtenStaaten auf guten Fuß zu stellen, alle Zwistigkeiten friedlich auszugleichen und eineArt amerikanischer Liga gegen Europa zu schaffen. Mit Brasilien wurden im Ver-laufe des Jahres 1852 mehre Verträge geschloffen, worunter der wichtigste überdie Grenzlinie zwischen den beiden Staaten (29. Nov. 1852). Auch ein Vertragüber Ablieferung der entlaufenen Verbrecher kam zustande, mit Brasilien wie mitFrankreich. Es ist nämlich Napoleon IU. sehr daran gelegen, daß die Masse derSchuldigen und Unschuldigen, welche der Bonapartismus nach Cayenne transportirt,in der benachbarten Republik keine Zuflucht finde. Hingegen wurden die Handels-verträge mit den europäischen Staaten, welche im Verlaufe der folgenden Jahre zuEnde gingen, zum großen Theil gekündigt (1852), so die mit Dänemark, mit denNiederlanden, mit Preußen, Schweden und den Hansestädten. Nur die mit Frank-reich und England sind erhalten worden. „Die öffentliche Meinung", so heißt esin dem hierauf bezüglichen Erlasse, „hat die Nothwendigkeit erkannt, daß neue, aufden Grundsätzen auferbaute Verträge nothwendig sind, welche mit dem jetzt in derRepublik herrschenden Systeme übereinstimmen, das vollkommen verschieden ist vonjenem beim Abschlüsse der bestehenden Verträge herrschenden." Der ehemalige Vice-präsident Leocadio Guzman ging als Gesandter der Republik nach Peru, um auchdiesen Staat zu gemeinschaftlichen Maßnahmen gegen europäische Übergriffe zu be-wegen. „Man wolle ein republikanisch-amerikanisches Völkerrecht schaffen, im Ge-gensatze zu deni monarchisch-europäischen Völkerrechte, welches, von Fürsten angc-