Brasilien und Südamerika. 339
sich die Ingenieure des Staats, Ondarza und Mujia, einschifften. Art. 3. DieKriegsschiffe der befreundeten Mächte sollen gleichfalls in die vorbenannten Häfeneinlaufen können. Art. Die bolivianische Regierung, indem sie von dem un-bestreitbaren Rechte der Schiffahrt, welches die Nation auf diesen Strömen bis zumAtlantischen Meere besitzt, Gebrauch macht, ladet auf dieselben alle Nationen desErdballs ein, sich verpflichtend: 0 ) kraft des Gesetzes jedem Individuum oder jederGesellschaft, welche vom Atlantischen Meere nach diesen Punkten gelangt, die zuFreihäfen erklärt sind, um daselbst landwirthschaftliche oder industrielle Etablissementszu begründen, innerhalb des bolivianischen Territoriums eine bis zwölf Quadratleguasumfassende Fläche Landes zu bewilligen; b) eine Prämie von 10000 Piastern demDampfschiffe zu bewilligen, welches zuerst den La Plata oder den Amazon aufsteigendzu den oben genannten Punkten gelangt; 0 ) die Ausfuhr auf den Strömen von denBodenproducten und der Nationalindustrie für frei zu erklären; <l) zu gelegener Zeitund nach Maßgabe, wie sich die Nothwendigkeit fühlbar macht, Stapelplätze für dieEin- und Ausfuhrschiffung und für die Aufbewahrung der Handelsgüter zu errich-ten. Was die Zollabgaben anbelangt, beabsichtigt die Regierung den Tarif so mäßigals möglich zu stellen. (Gegeben im Palast der Höchsten Regierung in Lapaz deAyacucho, 27. Jan. 1853. Manuel Jsidoro Belzu. Rafael Bastillo, Minister derauswärtigen Angelegenheiten.)"
Bei dem herannahenden Ende der konstitutionellen fünfjährigen Periode derPräsidentschaft Manuel Jsidoro Belzu's (1855) zeigten sich wieder allerlei Parteiun-gen. Vier, fünf Candidatcn erschienen, die zum Theil bereit waren, mit den Waffenin der Hand ihre Ansprüche durchzusetzen. Belzu, hieß es anfangs, habe über alleden Sieg davongetragen; er sei im April 1855 nochmals zum Präsidenten der Re-publik Bolivia gewählt worden, wo er mehr als Dictator herrsche, denn als ver-antwortlicher Präsident einer republikanischen Regierung. Die Armee rief indessenim August 1855 den Schwiegersohn des Belzu, General Cordova, in echt prätoria-nischer Weise zum Präsidenten aus, der sich auch, trotz des Widerstrebens der Bür-ger gegen das Militärgebot, im Amte behauptete. Neue Parteiungen, neue Wirrenentstanden, und nochmals gerieth das Land in den Zustand des Bürgerkriegs. Undso wird es fortgehen, bis endlich eine fremde Macht einschreitet und in gewaltsamerWeise Gesetzlichkeit, Frieden und Ordnung einrichtet und erhält in jenen von derNatur hochgesegneten, von widerlicher Trägheit vernachlässigten, von blinder Leiden-schaft verwüsteten und von wilder Grausamkeit entvölkerten Länderstrecken im südli-chen Amerika.
5) Die Republik Chile.
Am 17. Aug. 1853 verschied zu Boulogne-sur-Mer in Frankreich ein Mann,dessen Tod, mitten unter den europäischen Wirrnissen, außerhalb des kleinen Fami-lienkreises kaum bemerkt und berichtet wurde. Und doch überragte dieser Mannnicht blos alle jene zahlreichen Krieger und Häuptlinge, welche sich in den Be-freiungskämpfen der spanischen Colonien einen Namen erworben — Bolivar selbstnicht ausgenommen, sondern auch die meisten Eroberer, welchen das Hofgesinde unddie Massen das Beiwort „der Große" beilegten. Dies ist der Gründer der RepublikChile, General San-Martin, eiji Mann irischer Abstammung, welcher sich Washing-ton zum Vorbild setzte und ihm ähnlich wirkte, soweit dies möglich war unter denim religiösen und politischen Sklaventhum aufgewachsenen Romanen. GleichwieWashington ragt San-Martin hervor durch militärische Einsicht und strategischeKenntniß, durch staatsmännisches Wesen und großartige Entsagung im öffentlichenLeben; dann durch Sittenreinheit, durch ein strenges männliches Benehmen und an-tike Einfachheit im Umgang mit Freunden wie im Familienkreise. Beide lebten fürihr Land und die Freiheit, wonach wol die einsichtsvollen Geschlechter späterer Jahr-hunderte die Größe eines Mannes einzig ulld allein bemessen werden.