358 Brasilien und Südamerika.
delsbewegung von diesem Umfange bietet, verdient gewiß eine große Beachtung. ZuWelcher Bedeutung würde die Banda-oriental aufsteigen, wenn ihr Gebiet, auf demmehr als 15 Millionen Menschen behaglich leben könnten, durch europäische Ein-Wanderung auch nur von einer halben Million betriebsamer Menschen bevölkert wäre.Eine solche Bevölkerung würde mehr als hinlänglich sein, den Staat in Wahrheitunabhängig zu machen und ihn für immer dem Einflüsse der auf seine Zerstörunggerichteten Politik der Regierung von Rio de Janeiro zu entziehen. Dieselbe Poli-tik, welche die eigenen, von, Mittelpunkt der Macht entfernten Provinzen durch Hem-mung ihrer Entwickelung in Abhängigkeit und Unterwürfigkeit von Rio de Janeirozu erhalten sucht, ist, wie wir oben bei Brasilien gezeigt haben, noch weit sorgsamerbemüht, das Aufkommen eines Nachbarstaats, welcher in der Bevölkerung der herab-gekommenen oder zurückbleibenden Provinzen gefährliche Vergleichungen anregen könnte,zu verhindern.
Die Weltstellung der Banda-oriental, nicht selten auch nach der Hauptstadt„Montevideo" und nach ihrem bedeutendsten Flusse gewöhnlich „Uruguay" genannt,hat ihrer Geschichte die Richtung gegeben, welche sie genommen. Diese Weltstellungist die Ursache der endlosen Streitigkeiten, dann der Hindernisse, welche die Entwicke-lung des Landes gefunden. Die Banda-oriental bildete den Gegenstand wiederhol-ter Kämpfe zwischen Spanien und Portugal in den Jahrhunderten der Vergangen-heit; sie gibt den Stoff zu endlosem Streite zwischen der Argentinischen Konfödera-tion und dem Kaiserthum Brasilien in der Gegenwart. Wenn auch die Kämpfteine zeiklang ruhen, so brechen sie doch nach kurzer Frist immer wieder aus, weilsie in der Natur der Dinge begründet sind. Der Gebieter des Staats Uruguaykönnte nämlich leicht die Mündung und das ganze Mündungsgebiet des Rio de laPlata beherrschen, und würde dann einen überwiegenden Einfluß gewinnen in allenjenen südwestlichen Gegenden der Neuen Welt. Daher das eifersüchtige Wesen derNachbarstaaten. Keiner gestattet und kann dem andern den Besitz dieses Landesgestatten, weil zu befürchten steht, daß seine Wohlfahrt und Unabhängigkeit darunterleiden möchte. Sogar die bloße Selbständigkeit und innere Wohlfahrt der Republikkönnte den Nachbarn im Westen und Norden lästig fallen.
Im Jahre 1810 begannen auch zu Montevideo die Bewegungen, welche endlichzur Lostrennung vom Mutterlande führten. Don Gaspar de Vigodet, der spanische Be-fehlshaber, mußte sich endlich am 20. Juni 1811 vor den argentinischen Truppenzurückziehen und das Land blieb sich selbst überlassen. Der Gauchohäuptling, Josede Artigas, führte unter dem Namen Beschützer von Südamerika eine zeitlang einwildes Regiment: er war gleich wie Rosas ein Feind der städtischen Bevölkerungund jeder höher» menschlichen Bildung. Diese Umstände suchte mau in Rio de Ja-neiro zu benutzen, um Montevideo unter dem Scheine der Befreiung vom Gauchos-joche zu gewinnen. Artigas ward verjagt, das Land 1816 durch brasilische Trup-pen besetzt, und endlich 1821, wie oben erzählt worden, unter der Benennung Cis-platinische Provinz mit dem jungen Kaiserthum vereinigt. Nach kurzer Zeit abererhoben die Bewohner Uruguays die Fahne der Selbständigkeit. Ein Krieg entstand,an welchen: sich die Argentinische Konföderation betheiligte, weil, wie man behauptete,das Land als eine Abtheilung des ehemaligen Vicekönigreichs Buenos-Ayres inWahrheit zu ihr gehöre. Der durch englische Vermittelung geschlossene Vertrag vom27. Aug. 1828 endigte endlich den mehre Jahre andauernden Kampf, und dieBanda-oriental ward als selbständiger Staat anerkannt. Die pacificirendcn Theilestellten blos die Bedingung,'daß sie zu der künftigen Konstitution des Landes ihreZustimmung zu geben hätten, und daß, wenn nach Einrichtung eines gesetzlichen Re-giments ein Bürgerkrieg entstehen sollte, während des Zeitraums von fünf Jahrenihnen eine Intervention gestattet wäre. Hierauf gründete Rosas sein Bestreben zurErhaltung der Präsidentschaft des Oribe, obgleich die im Vertrage bedungenen fünfJahre längst verflossen waren. Nach diesem Friedensschlüsse trat zu MontevideoalSbalb ein Kongreß zusammen, der am 10. Sept. 1829 eine Konstitution beere-