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Brasilien und Südamerika.
Dieses Regiment gilt ihm in Wahrheit als Triumph der Humanität*); freilich fügter beschränkend hinzu, im Vergleich mit dem Verfahren der Spanier und Portugiesen.
Um sein Vaterland vor den Stürmen und Unordnungen der benachbarten Län-der und sich selbst die unbeschränkte Herrschaft zu wahren, schloß der Dictator seinReich von der übrigen Welt vollkommen ab. Kein Fremder durfte ins Land, die-jenigen, welche zufällig oder absichtlich dahinkamen, wurden gefangen zurückgehalten;jede Verbindung mit der Fremde, sei es des Handels, sei es der Bildung wegen,blieb untersagt. Jedem Insassen war, noch strenger wie im indischen Kastenwesen,sein Geschäft, sein, Handwerk angewiesen; er mußte Dies und Jenes, in dieser oderjener Menge und Eigenschaft leisten, anbauen und erzeugen, und zwar bei Todes-strafe. Der ganze Ackerbau bestand wie auf Java in erzwungenen Culturen. DieseCulturweise hak hier und dort, zu Paraguay wie in Java bei Bevölkerungen, welche,um zu arbeiten, der Zuchtruthe bedürfen, allerdings gute Früchte getragen. DieAbgaben waren gering; die Erträgnisse der Staatsländereien, welche durch Frohn-dienste bearbeitet wurden, deckten zum größten Theile die Regierungskosten. DerHerrscher oder Fürst selbst hatte gar keine Bedürfnisse. Francia nahm kein Weib;er wollte keine Kinder. Allein mit einer alten Schwester, welche dem Hauswesen -vorstand, lebte der Selbstherrscher in Einsamkeit und strenger Abgeschlossenheit vonden übrigen Menschen. Sein Volk blickte mit Furcht und Verehrung zu dem Höch-sten empor — El Supremo, wie man ihn zitternd nannte. An einem Tage desJahres 1840 fühlte sich Francia unwohl. „Ich gehe in mein hinteres inneres Zim-mer", sagte er zu seiner Schwester, „man störe mich nicht. Ich will zwei Tagelang allein bleiben." Als die Tage verflossen und die verschlossene Thür gewalt-sam geöffnet wurde, fand man den Dictator todt im Lehnsessel liegen, umgeben vonzahlreichen Resten verbrannter Papiere. Seine Thaten sollten ausgelöscht werdenaus dem Buche der Erinnerung. Nur 200000 Piaster wurden im Staatsschätzevorgefunden, die meisten edeln Metalle Paraguays. Die Unterthanen durften unterFrancia so wenig wie zu den Zeiten der Jesuiten Geld besitzen. Sie tauschten ge-genseitig die Bedürfnisse.
Der Alcade von Asuncion bemächtigte sich nun der Gewalt und behauptete sieeinige Monate. Er ward aber abgesetzt, und so erging es einigen seiner Nachfolgerim Amte. Da verband sich der Befehlshaber der Truppe eines Quartiers in derHauptstadt, Mariano Noque Alonso, mit dem Neffen des Francia, Don Carlo An-tonio Lopez. Beide wollten ihre Gewalt fest begründen; Beide suchten nun in derWeise des verstorbenen Dictators die thatsächlichen Zustände auf einem volksthüm-lichen constitutionellen Grunde aufzubauen. Mit dem Scheine eines Grundgesetzesward zwar auch in andern Ländern viel leeres Spiel getrieben, nirgendwo aber indem Grade wie bei dem jesuitisch erzogenen Volke zu Paraguay. Die beiden Macht-haber, Alonso und Lopez, riefen im Jahre 1842 nach der herkömmlichen Sitte, wiedie Phrase lautet in jenem Lande, eine constituirende Versammlung ein von 400Mitgliedern. Wahl und Verhandlung geschahen in folgender Weise: Ein Negierungs-commissar las in jedem Bezirke die Namen der Abgeordneten, und das versammeltesouverän-gehorsame Volk rief: So soll es sein; so ist es gut! Die Kammersitzungendauerten kaum drei bis vier Tage. Die Abgeordneten genehmigten schnell alle Vor-schläge und eilten nach Hause. Alonso und Lopez ließen sich Consuln nennen; Lo-pez war der erste und Alonso der zweite; in der Wirklichkeit war aber der ersteConsul Alleinherrscher. Bei einem folgenden Congresse (1844) ward Lopez auch demNamen nach zum alleinigen Consul erhoben; der Congreß verkündete sogar eine Kon-stitution. Leere Worte! Lopez blieb, soweit die veränderten Verhältnisse und dieneuen Beziehungen zum Auslande dies gestatten, gleichwie ehemals sein Onkel Fran-cia, seit einem Jahrzehnt» und bis auf den heutigen Tag der absolute Fürst vonParaguay. Der Fürst konnte jedoch oder wollte auch nicht die gänzliche Abschlie-
*) „ Lsssi sur lss moeurs", Cap. 144.