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Die Medicin.
werden. Die „lange Kunst" benutzt „das kurze Leben" der Einzelnen, um an ihnensich fortzubilden; und wenn auch, wie bei aller geschichtlichen Entwickelung, die da-bei auftretenden individuelle» Eigenthümlichkeiten jedes neuen Fortschritts denselbenzunächst nicht rein erscheinen lassen, so wird durch die Gesammtheit der glcichstre-benden Individuen die Wahrheit doch allmälig geläutert. Es ziemt sich daher nicht,über Veraltetes zu spötteln; denn hätten nicht unsere Vorgänger einen bestimmtenSchritt gethan, so würden wir ihn thun und dann mit demselben Recht der Spottunserer Nachfolger werde». Und ist es nicht gerade zu hoffen, daß auch unsereErkenntniß von-spätern Jahrhunderten überflügelt werde? Derselbe ernstliche Eifernach wahrer Wissenschaftlichkeit, welcher die jetzige Zeit beseelt, hat schon vor hundertJahren die Männer belebt, welche die wissenschaftliche Bewegung förderten; siekonnten nicht weiter, ebenso wie wir nicht weiter können, als die vielerlei parallel-gehenden Erkcnntnißzweige es gestatten. Wir können aber aus dem Wege, welchenjene und deren Nachfolger einschlagen, lernen, wie wir vorwärkszustreben haben.Außer dem positiv Wahren, welches uns die Geschichte überliefert, hat jede geschicht-liche Forschung noch durch das Erkennen der Methoden des Fortschritts ihren un-bestreitbaren Werth. Diese liegen aber in einer Übersicht eines verhältnißmäßig kur-zen Zeitraums offen zutage. Eine darauf Bedacht nehmende Charakteristik der heu-tigen Medicin wird nun am besten gelingen, wenn wir sie ihrer genetischen Noth-wendigkeit nach untersuchen. Hierzu müssen wir aber mit kurzen Worten den Zu-stand schildern, aus dem der jetzige sich zunächst entwickelt hat. Dann werden wirdie Haupthebel des Umschwungs in dem Leben der Natur- und Heilwissenschaft be-trachten müssen, um dann die Entwickelung der Naturwissenschaften und der sichan diese anlehnenden Medicin kennen zu lernen.
Zustand der Heilkunde vor 1800.
„Alle Geschichte in kleinern Zeiträumen betrachtet, bewegt sich in einem gleich-artigen Charakter, der von bestimmten vorherrschenden Einflüssen gestaltet wird. Ingrößere Perioden zusammengefaßt, gewährt sie das Bild steter Schwankungen zwi-schen entgegengesetzten Antrieben, die allem Übergewichte einer einzelnen Idee, einerleitenden Macht oder Bewegung zuwiderwirken.. Ganz im großen Verlaufe der Jahr-hunderte überschaut ist dann wieder in diesem Wechsel von Ebbe und Flut eine steteStrömung nach einer bestimmten Richtung, der Fortschritt einer herrschenden Ideeganz unverkennbar." Was hier einer unserer größten Geschichtschreiber auf demGebiete des socialen und politischen Lebens sagt, hat auch für die Wissenschaftenseine volle Gültigkeit, und namentlich, läßt sich Dasselbe für die Medicin nachweisen,deren Stellung zu den übrigen Naturwissenschaften einen guten Maßstab für dieStufe der eigenen Entwickelung abgibt.
Sollen wir den Unterschied der Medicin des 17. Jahrhunderts von der un-serer Zeit mit zwei Worten bezeichnen, so müssen wir die erstere als Heilkunst, dieletztere als Heilwissenschaft anerkennen. Der Übergang aus der Kunst zur Wissen-schaft füllt so ziemlich das 18. Jahrhundert, wenngleich natürlicherweise manchesFrühere auf diese Änderung im Wesen der Medicin hinarbeitete, und auch, dochvereinzelt, neuere Ärzte den künstlerischen Standpunkt zu vertheidigen suchen. Dadas Heilen nicht blos im Erkennen der Krankheiten besteht, sondern auch eine thä-tige Hülfe verlangt, so liegt allerdings der Gedanke nahe, daß trotz der wissenschaft-lichen Begründung der Medicin das Handeln auch noch heute „nach den Regelnder Kunst" eintreten müsse. Doch meinen wir nicht die dem sogenannten ärztlichenBlick innewohnende künstlerische Auffassungsgabe, wenn wir die ältere Medicin alsKunst bezeichnen, sondern das nach formellen anstatt nach wissenschaftlichen Regelneingreifende Handeln des Arztes. Die, so lange Krankheiten das menschliche Ge-schlecht heimsuchen, sich gleichbleibende Aufgabe des Arztes zu heilen ist nicht zulosen, ohne die beobachteten Krankheiten sowie die beobachteten Heilwirkungen gewisserErfahrungsweisen in irgendwelches System zu bringen, ohne beides durch irgend-