Die Medici». 43!
senden theoretischen Begründung ihres Heilsystems sich sehnenden Ärzte aus längerals ein halbes Jahrhundert befriedigen? Mußte nicht Haller's große Entdeckung dieTheorie der Krankheit sowie die Theorie des Heilens wesentlich berühren? Warenendlich die vermittelnden Systeme Hoffmann'scher und Haller'schec Anhänger imStande, das trotz der scheinbaren Wissenschaftlichkeit lebhafter als je gefühlte Be-dürfniß nach rationellen Heilungsgründen ausdauernd zu befriedigen? Wir sahenoben, daß neben Hoffmann und Stahl ein anderer Arzt es verschmäht hatte, einSystem zu gründen, um desto naturgemäßer das Heilungsgeschäft entwickeln zu kön-nen. Bocrhaave's Schüler folgten ihm zwar hierin treu, entgingen aber der nahe-liegenden Gefahr der Einseitigkeit nicht. Durch van Swieten, de Haen und Stellgelangte die ärztliche Schule zu Wien bald zu einer großen Berühmtheit... Sie wa-ren es besonders, welche noch eingehender als die gleichzeitigen englischen Arzte Hux-ham, Fothergill, Pringle den Bewegungen der allgemeinen Krankheitsconstitutionnach Jahren und Jahrzehnden folgten und auf diese Beobachtungen Behandlungs-weisen und die Anwendung bestimmter Mittel gründeten. Waren auch dergleichenmit Rücksicht auf den epidemischen Krankheitscharakter angestellte Witterungsbcobach--tungen schon von Hippokrates als wichtig bezeichnet, dann besonders von Syden-ham empfohlen worden, so hatten doch die von Stell und den andern Wienern an-gestellten einen deshalb großem Einfluß, weil sie die ersten ausgedehnten exacien Re-sultate lieferten und zu Ansichten führten, welche eine ziemliche Verbreitung fanden.Besonders war es Max Stoll, an dessen Namen sich eine Methode knüpfte. Stollrichtete sein Hauptaugenmerk auf die Verdauungsorgane. Sich allen Systemen ent-schlagend, suchte er in ihnen den Grund zu vielen allgemeinen Leiden. PathologischeSectionen, denen er in ausgedehnter Weise wie Morgagni Eingang zu verschaffensuchte, sowie besonders der um 1770 herrschende Krankheitscharakter führten ihn zurAnwendung einer antigastrischen Heilmethode, vorzüglich der Brechmittel, welche durchseine Autorität sowie durch die naturgemäße Wirkung in vielen Fällen eine außer-ordentliche Verbreitung erhielt. Christoph Ludwig Hoffmann beutete diese Erfahrungen zueinem System aus, in welchem die Humoralpathologie noch einmal aufloderte unddas Wesen der Krankheiten in Säuerung und Fäulniß der Säfte verlegt wurde.Auf der andern Seite trat Kämpf mit seiner Lehre von den Unterleibsstockungen aufund erfand gegen diese die weitgerühmten Visceralklystiere. Wir sehen, daß dieAnsichten der Arzte sehr auseinandergingen: es hatten sich auf der Seite der Dy»namisten wie auf jener der Humoralpathologen Gruppen gebildet, welche, eine Eini-gung für unmöglich haltend, vergebens nach Grundprincipien für alle Fälle suchten.Auck gaben die diesem Zeitraume angehörenden physikalischen Entdeckungen Gal-vanos, Volta's, die chemischen von Priestley noch keinen sichern Boden zur Erhebungnatürlicher Systeme, und wenn auch Girtanner „den von Priestley entdeckten Sauerstoffnoch einmal an die Stelle des Hoffmann'schen Äthers zu setzen versuchte, so lag dochdieser Ansicht ebenso wenig wie der Hoffmann'schen selbst positive Erfahrung zugrunde.
In diese Zeit des Schwankens und der Spaltung der individuellen Ansichtentritt Brown mit seiner Theorie ein, welcher er gleich die sichersten Empfehlungsmit-tel, consequente Abrundung und praktische Ausführung, auf den Weg mitgab. InEngland selbst, wo sich der künstlerische Charakter der Heilkunde am längsten undungetrübtesten erhalten hat, fand Brown nur wenig Anklang, wozu vielleicht auchder seinen Landsleuten näher bekannte Charakter des Mannes, welcher durch unge-gessene Ehrsucht und Sinnlichkeit die vor seinem Genie gehegte Achtung untergrub,wesentlich beitrug. Den Deutschen aber trat er nur als Gründer des Systemsentgegen. Hier wollte man ein System um jeden Preis, ein System mit einemsich an die Physiologie lehnenden obersten Princip, welches die herrschenden Gegen-sätze auszugleichen im Stande war und der praktischen Thätigkeit eine Handhabebot. Diesen Anfoderungen entsprach das Brown'sche, und wenn es auch schon awEnde des vorigen Jahrhunderts, noch mehr im jetzigen, Männer gab, welche das Un-haltbare desselben fühlten, nachwiesen und aussprachen, so würden wir doch einer